Weißfrauen Diakoniekirche Frankfurt > Programm.

24.12.2009

Lange Nacht am Heiligen Abend

Zum sechsten Mal lädt das Diakonische Werk für Frankfurt am Main zu einer „Langen Nacht am Heiligen Abend“ ins Bahnhofsviertel ein. Am Donnerstag, dem 24. Dezember 2009 öffnet sich um 18 Uhr die Tür der Weißfrauen Diakoniekirche und wird erst am ersten Weihnachtstag gegen 10 Uhr wieder geschlossen. Eingeladen sind alle, die am Heiligen Abend ins Bahnhofsviertel kommen möchten. Ein Gottesdienst zum Thema „Die Gaben“ mit dem Leiter der Diakonie Frankfurt, Pfarrer Dr. Michael Frase, beginnt um 19 Uhr. Mitwirken werden der Frankfurter Schauspieler Matthias Scheuring, der Sankt Petersburger Trompeter Michail Klimaschewskij sowie Michael Berg an der Orgel. Der Kirchenraum ist von Frankfurter Künstlern gestaltet. Unter anderem gibt es ein Krippenpanorama von Manfred Stumpf, Engel und Hirten von Eva Schwab, eine große Krippe von Phillip Zaiser, den Frankfurter Stern von Jens Lehmann, Ochs und Esel von Florian Haas. In diesem Jahr kommen von Tamara Grcic die drei Gaben „Gold, Weihrauch, Myrrhe“ hinzu. Zu einem Weihnachtsessen an langen Tafeln sind ab 21 Uhr alle Gäste der Diakoniekirche eingeladen. Wie in jedem Jahr engagieren sich dabei zwei oder drei Restaurants. An der Krippe treffen sich ab 22.30 Uhr Musiker von der Straße zu einer Nachtmusik. Nach dem Nachtgebet um 0.00 Uhr mit Gerald Hintze wird gegen 0.30 Uhr als Nachtfilm „Schatten im Paradies“ von Aki Kaurismäki gezeigt. Auch in dieser Nacht besteht die Möglichkeit, in der Kirche zu schlafen; Tee und Weihnachtsgebäck werden an einer kleinen Bar von ehrenamtlichen Gastgebern die ganze Nacht über gereicht. Um 7 Uhr begrüßt ein Morgengebet den Weihnachtstag. Mit einem Weihnachtsfrühstück ab 8.30 Uhr klingt die Lange Nacht am Heiligen Abend im Bahnhofsviertel aus.
Info-Heft (Download PDF, 3 MB)

 

Dezember 2009

Advent im Bahnhofsviertel

MITTAGSGEBET mit Orgelstück um 12 Uhr

Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie anschließend SamowarBar

Donnerstag, 3. Dezember 2009
DAS VOLK, DAS NOCH IM FINSTERN WANDELT
Samuel Scheidt (1587–1654): Modus ludendi pleno Organo pedaliter

Donnerstag, 10. Dezember 2009
DIE IHR NOCH WOHNT IM TAL DER TRÄNEN
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847): Andante con moto

Donnerstag, 17. Dezember 2009
DIE LIEBE GEHT NICHT MEHR VERLOREN
Reinhold Finkbeiner (geb. 1929): Choral aus »Drei Stückchen aus des ungläubigen Organisten Orgelbüchlein«

 

28.11.2009

Wo Bedürftige fürstlich speisen
Eine Kooperation zwischen der Weißfrauenkirche und dem Parkhotel Le Meridien macht’s möglich: Für Ende November sind Bedürftige zum edlen Brunch eingeladen.

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Alle Bilder anschauen

Einmal ein Festmahl genießen und in feierlicher Atmosphäre von einem Fünf-Sterne- Hotel bewirtet werden: Für die meisten Bedürftigen bleibt dies ein unerfüllbarer Traum – normalerweise. Denn das Parkhotel Le Meridien lädt nun schon zum zweiten Mal in die Weißfrauenkirche ein und bringt dort Bedürftige und Geschäftsleute aus dem Bahnhofsviertel an einen Tisch. Das dort aufgetragene Büfett für 80 Gäste soll kurz vor der Adventszeit zugleich auf das Weihnachtsangebot der Weißfrauen-Diakoniekirche mit einer langen Nacht am Heiligabend einstimmen.

«Wir veranstalten den Brunch am 28. November als unseren Community Day und sehen hierin eine geeignete Möglichkeit für direkte Hilfe in unserer Nachbarschaft», erklärt Jan Willem Roenhorst, Residence-Manager des Le Meridien in Frankfurt. «Es soll ein schöner Tag werden für Menschen, die sonst im Leben nicht so erfolgreich sind. Dafür setzt unser Team gerne seine Freizeit ein», fügt Personalchefin Daniela Wiezoreck hinzu. Die Idee entstand im gegenseitigen nachbarschaftlichen Kontakt zum Kurator der Weißfrauen-Diakoniekirche Gerald Hintze. «Das Parkhotel gehört zu unserem Netzwerk und ist als das älteste Hotel im Bahnhofsviertel auch zugleich das erste Haus am Platz», betont Hintze. Um die Kommunikation zu stärken und unterschiedliche Menschen aus dem Quartier zusammenzubringen, hat der Kurator Firmen, Agenturen und Handwerksbetriebe aus den benachbarten Straßen eingeladen.

Das Parkhotel stellt für den Brunch 20 Mitarbeiter bereit, die zur Vorbereitung und für den Service freie Tage opfern. Diesmal werden etwa 60 Bedürftige und 20 Gewerbetreibende zu einem mehrgängigen Büfett in der Weißfrauenkirche kommen. «Am Anfang galt es auch bei uns, sich für die Menschen zu öffnen und Vorurteile abzubauen», sagte Daniela Wiezoreck. Doch dies sei schnell gelungen, weil die Zielgruppe ihrerseits den Einsatz honoriere und den Helfern auch etwas zurückgebe.

Dem Anlass angemessen gibt es eine größere Auswahl an warmen und kalten Speisen. «Es ist etwas Besonderes, wenn in der Weißfrauenkirche Essen auf silbernen Tellern serviert wird. Aber genau das zeigt den bedürftigen Gästen, dass wir sie nicht vordergründig als Arme und Obdachlose betrachten, sondern als Bürger der Stadt», betont Hintze.

«Gleichzeitig wollen wir einen wichtigen Beitrag leisten, um Menschen mit schwierigen Lebensverhältnissen aus ihrer sozialen Ecke herauszuholen», ergänzt Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes in Frankfurt. Gerade deshalb sei das gemeinsame Mahl mit den benachbarten Geschäftsleuten wichtig – zumal sich dabei sogar schon Arbeitsangebote für Arbeits- und Mittellose ergeben hätten.

Der Brunch stimmt nicht nur auf die Vorweihnachtszeit ein, sondern ergänzt auch das sonstige kommunikative und kulturelle Angebot des Diakonischen Werkes in der Weißfrauenkirche: So gibt es dort Ausstellungen, Aktionswochen, Kongresse und gemeinsame Nachtmahle. Letzteres wird den Menschen auch an Heiligabend angeboten: «Dann kommen Lokale aus der Umgebung und kochen. Und viele freiwillige Helfer erleben eine völlig neue Art, dieses sonst eher familiäre Fest zu feiern.»

- Frankfurter Neue Presse, 10. November 2009 -

12.11.2009

AufscheinungAUFSCHEINUNG | Akt-Tanz-Klang-Licht-Performance

Ein Projekt von Diana Ninov

Fluoreszierende Aktzeichnungen: Diana Ninov
Tanz: Ianeta Dilova
Klang: Dominik Strutzenberger
UV-Lichtinstallation: Diana Ninov

„Aufscheinung“ katapultiert uns in eine dunkle Welt, in der wir erst einmal nichts sehen, wissen, kennen und dann nur Ausschnitte von etwas erahnen, um vielleicht immer mehr zu sehen und im besten Fall zu schauen.
Momente der Auflösung, Schärfung der Wahrnehmung für das Wesentliche: die Grenzen materieller Körper definieren Ausschnitte von „Etwas“, das sich dahinter verbirgt und aufscheinen darf.

Die Performance hat eine Dauer von ca. 20 Minuten und wird nur einmal aufgeführt.

Weitere Informationen

20.08.2009

TagebuchNACHTMAHL
BROT UND WEIN AN EINEM TISCH

KARSTEN BOTT | GERALD HINTZE | XAVIERA PETELL | HEINZ SAUER | MATTHIAS SCHEURING

Bahnhofsviertelnacht: Tropisches Klima und buntes Programm zieht Tausende an

hessen.de Pressemeldung vom 21. August 2009

“Freundlich und heiß wie in Thailand”, so empfindet eine Besucherin die Absacker-Party im Café Elbe nach der langen Bahnhofsviertelnacht. DJ Gerald Hintze, im Hauptberuf Kurator der Diakoniekirche, hatte zuvor den ganzen Abend lang hunderte Besucher in der Diakoniekirche zu einem Abendmahl bei Jazzmusik empfangen.

So wie in der Gutleutstraße brummte das Viertel den ganzen Abend lang. Im Hochbegabtenzentrum in der Karmeliterschule erprobten fast 500 Besucher ihre kreativen Potentiale und malten sich ein Bild vom Bahnhofsviertel. Diskussionsangebote von “Dona Carmen”, Verein für soziale Rechte der Prostituierten, wurden zahlreich besucht und im Hinterhof der Bürogemeinschaften in der Taunusstraße 21 stieg ein große Party, bei der man sich seine persönliche Ideenkugel abholen konnte. Eine dort ansässige Werbeagentur hatte in einem Buch zur Bahnhofsviertelnacht sechs Geschäftsideen zusammengetragen, die die ganze Vielfalt des Viertels zeigen: “I dance for money. But also for fun” ist der programmatische T itel, der eine Tänzerin aus der Table Dance Bar “Rough Diamond” zitiert.

“Das Bahnhofsviertel ist vital, kreativ und in Aufbruchstimmung”, zeigte sich Oberbürgermeisterin Petra Roth begeistert von der warmen und freundlichen Atmosphäre der Bahnhofsviertelnacht. Bei ihrem Rundgang sparte sie die Problemlagen des Viertels nicht aus: “Wir werden dafür sorgen, dass die vielen engagierten Bürger und Gewerbetreibenden hier gut leben und arbeiten können. Das Viertel kann auch noch attraktiver für Besucher werden. Es ist – auch durch die städtischen Förderprojekte – sehr viel in Gang gekommen in den letzten Jahren. Jetzt werden wir auch die kritisierten Missstände mit höchster Priorität anpacken”, erklärte sie im Gespräch mit zahlreichen Bürgern und Geschäftsleuten bei ihrer Tour durchs Viertel.

Neben den zahlreichen Führungen durch das bunt erleuchtete Viertel prägten auch spontane Partys und kleinere Besuchergruppen die entspannte Stimmung auf den Straßen und in Ateliers, Büros und Hinterhöfen. “Wir schätzen, dass wieder um die 10.000 Menschen im Bahnhofsviertel unterwegs waren; davon haben fast 2.000 an den verschiedenen Führungen teilgenommen, die alle ausgebucht und überbucht waren”, so Almuth Westecker vom Presse- und Informationsamt, das diese Bahnhofsviertelnacht in Kooperation mit der Werkstatt Bahnhofsviertel und zahlreichen Anliegern auf die Beine gestellt hatte. Viele junge Leute und vermehrt Besuch aus der Region habe man wahrgenommen.

In der Hitze der Nacht trafen sich zum Abschluss große Menschentrauben vor der Nachtbar oder in den Straßencafés – eine lange Nacht im Bahnhofsviertel, die viele seufzen ließ: “Das ist an einem Abend kaum zu schaffen”. Muss auch nicht sein, denn Wiederkommen ist erwünscht – das Bahnhofsviertel ist täglich geöffnet.



25.06.2009 bis 21.08.2009

TagebuchTagebuch einer alten Frau
Karsten Bott, Archiv für Gegenwarts-Geschichte

Aus seinem „Archiv für Gegenwarts-Geschichte“ zeigt der Frankfurter Künstler Karsten Bott in der Weißfrauen Diakoniekirche ein Fundstück, dass er 1993 in Linz, Österreich im Papiermüll gefunden hat. Etwa 70 Fernsehzeitschriften, mit handgeschriebenen Tagebuchnotizen auf dem Rand der Zeitung oder auf eingelegten Zetteln. Offenbar handelt es sich um das Tagebuch einer alten Frau, aus den Jahren 1982 - 1992, die ihre täglichen Geschehnisse aufschreibt. Sie gibt Auskunft über ihre Tagestätigkeiten, Wetter, Temperatur, Heiztage, Medizin, Stuhlgang und wann sie in der Nacht aufwacht. Eine Auswahl der Zeitschriften stellt Karsten Bott exemplarisch in 10 Tischvitrinen in der Weißfrauen Diakoniekirche aus.

Weitere Information zum Archiv für Gegenwarts-Geschichte unter www.karstenbott.de


19.45 – 20.15 W. Brot, Becel, Wurst, Tee
Input und Output: Der Installationskünstler Karsten Bott präsentiert ein ungewöhnliches Tagebuch

Nikolaus Jungwirth im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, 6. Juli 2009

Wenn die Männer von der Abfallentsorgung den Sperrmüll vor dem Haus am Morgen abholen, ist der Haufen aus zerschlissenen Polstersesseln, befleckten Matratzen und allerlei unnützem Kleinkram nur noch halb so groß wie am Abend vorher. Denn in der Zwischenzeit haben bereits findige Wiederverwerter noch Brauchbares im zur Vernichtung bestimmten Output der Wegwerfgesellschaft erspäht und abtransportiert.
Als eine Art urbaner Schatzsucher inspiziert auch Karsten Bott solche auf der Straße geworfenen Abfallberge. Ihn interessiert das wertlos gewordene Inventar des trivialen Alltags. Ausgesonderte Gegenstände, die mit all den Spuren ihrer einstigen Benutzung Zeugnisse der Zeit und Millieus sind, aus dem sie stammen, bilden das Material für seine Installationen.

Anales Grundmotiv

Banalen Objekten Kunststatus zu verleihen, statt sie der Mülldeponie zu überantworten, ist ein Verfahren, das in der Moderne über eine lange Tradition verfügt. Karsten Bott hat der Methode „Ready mades“ jedoch eine sehr eigene Wendung gegeben, indem er seine Funde zumeist massiert zu flächendeckenden Installationen zusammenfasst. Die Exponate werden dicht an dicht in Vitrinen oder auf dem Fußboden ausgebreitet, wodurch nicht die individuelle Gestalt des einzelnen Gegenstandes in der Vordergrund tritt. Stattdessen ergibt die Masse der formal und farblich sehr unterschiedlichen Objekte den Eindruck eines Teppichs, der in seiner skurrilen Vielgestaltigkeit nahezu narrative Qualität besitzt.

Mit diesen popularkulturellen Dokumentationen ist Karsten Bott im In- und Ausland bekannt geworden. Jetzt konfrontiert er sein Publikum in der Frankfurter Weißfrauen Diakoniekirche mit einer besonders merkwürdigen Trouvaille: Im österreichischen Linz hat der Künstler vor 16 Jahren im Sammelsurium einer Haushaltsauflösung das Tagebuch einer vermutlich alten Frau entdeckt, die ihre Eintragungen auf die schmalen Seitenränder von Fernsehzeitschriften gekritzelt hat. Die anonyme Schreiberin enthält sich aller Sentimentalitäten, die gemeinhin einem Tagebuch anvertraut werden. Statt dessen protokolliert sie den äußeren Tagesablauf mit zwanghafter Genauigkeit.

Zum Beispiel:

8.05 auf
bis 9.00 mich gewaschen, Füße geschmiert bandagiert
9 – 10.10 ¼ l Milch, ¼ l Kaffee, 1 Stück Roulade Huber, 1 St. W. Brot, Honig, aus dem Küchenofen Asche ausgenommen, 1 Schaufel + 1 Eimer Briketts hinauf gebracht, Stuhl
9.30 – 9.50 Brot geschnitten, Telefonat mit Rosie
10.15 – 12.50 Fernsehen
12.50 – 13.50 Henne, 1 Ei, Reis, 1 Zucchini, Hammel, letzte 3 Gurken Rosie
13.50 – 19.45 Fernsehen
19.45 – 20.15 W. Brot, Becel, Wurst, Tee
20.15 – 23.45 Fernsehen
ins Bett 0.15, 25 ° C

Die sorgfältige beschriebenen elementaren Funktionen der Nahrungsaufnahme und – sehr wichtig – der festen und flüssigen Ausscheidungen werden mit genauen Mengenangaben versehen. Etwa: „10 nach 10 Stuhl ein großer Haufen“, „10 Stuhl ein mittlerer Haufen“ oder „8.05 auf, 1 l Harn“.

Die Aufmerksamkeit, die die Tagebuchverfasserin ihren eigenen Exkrementen widmet, deckt sich mit dem dokumentarischen Interesse, das der Installationskünstler den Ausscheidungen der Gesellschaft entgegenbringt. So wird das anale Thema Verdauung und Ausscheidung zum Grundmotiv der Ausstellung. Und die banalen Verrichtungen der alten Österreicherin erhalten im Kontrast zum erhabenen Ambiente des sakralen Schauraums jene Bedeutung, zu der auch viele österreichische Künstler in inniger Beziehung stehen: Stoffwechselprodukte als Metaphern für das Morbide, für die Endlichkeit und den Tod.

Schlafen, Aufstehen, Stuhlgang

Karsten Botts „Tagebuch einer alten Frau“ in der Weißfrauen Diakoniekirche

Christoph Schütte im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 5. August 2009

"Die Zeitungen schreiben über alles, außer über das Alltägliche", hat Georges Perec einmal geschrieben. Und: "Wo ist das, was wirklich geschieht, das Übrige, alles Übrige?" Schwer vorstellbar, dass Anastasia, wie wir die alte Dame der Einfachheit halber einmal nennen wollen, dass die Schreiberin jenes Tagebuchs also, das Karsten Bott vor einigen Jahren im österreichischen Linz aus dem Papiermüll gefischt hat, jemals etwas gehört hat von dem französischen Schriftsteller. Von seiner literarischen Befragung des Alltäglichen und Banalen, seiner - naturgemäß unvollständigen - Liste "der flüssigen und festen Nahrungsmittel, die ich im Laufe des Jahres neunzehnhundertvierundsiebzig hinuntergeschlungen habe" etwa.

Und was Anastasia im Laufe von zehn Jahren Tag für Tag gewissenhaft auf dem Rand ihrer Fernsehzeitschrift oder in eigens eingelegten Blättern notiert hat, mag man Literatur auch im Ernst nicht nennen. Dass man an Perec denkt freilich angesichts von Botts Installation, die derzeit in der Weißfrauen Diakoniekirche in Frankfurt (Weserstraße) zu sehen ist, verdankt sich denn auch weniger der sprachlichen Verknappung oder einer den Aufzeichnungen zugrunde liegenden literarischen Form. Es ist vielmehr die Konzentration auf den banalen, Tag für Tag sich wiederholenden Alltag. "Mich gewaschen, Füße geschmiert und bandagiert. ¼ l Milch, ¼ l Kaffee, 3 Scheiben Rosinenbrot, Honig. Beide Öfen Asche ausgenommen." Spektakulärer wird's nicht.

Stets notiert sie akribisch Datum, Aufstehzeit und Wetter, Heiztage, Schlafenszeit und Stuhlgang, Hausarbeit und Fernsehkonsum, als ginge es darum, dem Leben anhand der Notizen Faktizität und Geltung zu verschaffen, über Struktur etwas wie Sinn zu stiften womöglich gar. Und jenseits des Inhalts ist das vermutlich genau das, was Bott fasziniert. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet der Frankfurter Künstler, der bei Peter Kubelka an der Städelschule studiert hat, an seinem "Archiv für Gegenwarts-Geschichte", in dem es buchstäblich nichts gibt, was es nicht gibt.

Einer täglich sich erweiternden, mittlerweile auf rund 500 000 Objekte angewachsenen Sammlung von ausgelutschten Kaugummis über Kittelschürzen, Einmachgläser und Staubmäuse bis zu Zeitschriften, Backformen und Büroaccessoires, kurz: aller Dinge, die er akribisch erfasst, klassifiziert und in einer eigens angemieteten Halle lagert, um sie in spektakulären Bodenpräsentationen, Vitrinen- und Schaukästen-Installationen auszustellen. "Alle Fundstücke", so der 1960 geborene Künstler, "sagen etwas über die Zeit, in der wir leben, aus." "Möbel und Kuchen" oder "Von jedem eins" heißen seine so konzentrierten wie überbordenden, ausnahmslos aus dem gewaltigen Fundus gespeisten Präsentationen. Und genau das zeigen sie auch.

Dass sich Bott für seine aktuelle Ausstellung in der Diakoniekirche auf das berührende "Tagebuch einer alten Frau" beschränkt hat, ist in seiner Reduktion für seine Präsentationspraxis eher ungewöhnlich. Der Effekt aber im Kirchenraum ist atemberaubend. Denn konzentrierter als mit jenen Aufzeichnungen auf vergilbten Blättern, als im empathischen Nachvollzug eines exemplarischen Alltags, lässt sich kaum auf den Punkt bringen, worum sich Botts Kunst immer schon dreht: über die Dinge, den banalen Alltag oder, in den Worten Perecs, anhand des "Endotischen" statt des Exotischen ein Bild der Welt und des menschlichen Daseins zu zeichnen.

Ein Puzzle mit einer halben Million Teilen, das sich mit jedem Fundstück, wo nicht vervollständigt, so doch verändert. Die Essenz freilich, mag man angesichts des Tagebuchs im Altarraum von Weißfrauen denken, die Essenz ist so nüchtern wie banal. Und je nach Gemüt Grund genug für Gelassenheit oder auch niederschmetternd. Denn Schlafen, Aufstehen, Stuhlgang, ein wenig fernsehen, ab und an vielleicht ein Gläschen Wein und den Vorbau unseres kleinen Häuschens fegen - was anders ist, auf den radikalen Punkt gebracht, das ganze Leben?

 


Donnerstag, 04.06.2009

Das Deutsche Architekturmuseum
ist zu Gast in der Weißfrauen Diakoniekirche
:
Pecha Kucha Night o11 / Frankfurt
11 Personen zeigen 20 Bilder à 20 Sekunden

Das sind die Grundregeln der Pecha Kucha Night, einem kurzweiligen Vortragsformat, das von Astrid Klein und Mark Dytham aus Tokio entwickelt wurde. Im Schnelldurchgang stellen Architekten, Designer, Künstler und Kreative ihre jeweiligen Ideen, Arbeiten, Inspirationen oder Projekte vor. Jeder Vortrag dauert nur 6:40 Minuten. Weitere Informationen unter www.pechakuchanight.de

Die Vortragenden:

01_Michael Berg_Organist, Weißfrauen Diakoniekirche
02_Paul Andreas_DAM, Frankfurt
03_Daniel Tobias Etzel_ Waoh Gallery, Frankfurt
04_Il-Jin Choi_ Atem, Frankfurt
05_Gerald Hintze_ Diakoniekirche, Frankfurt
06_Arsalan Damghani & Kiumars Kazerani_ Stimme der Architektur, Darmstadt
07_Lutz Keßler_ Kunstverein Betonnen, Frankfurt
08_Axel Baumhöfner_ Fotografie, Offenbach
09_Johann Eisele_ Eisele Staniek Architekten, Darmstadt
10_Alexandra Düll & Kristian Hüsen_ Kontext Architektur, Frankfur
11_Tom Nöding_evangelisch.de, Frankfurt
12_Alexander Coelius_ Cosalux GmbH, Offenbach
13_ Dorothea Deschermeier_ DAM, Frankfurt
14_ Volker Max Engelhardt_ Architekt, Frankfurt
15_ Christian Knoll_ Looc Architekten, Frankfurt


29. Mai bis 12. Juni 2009

Marc Behrens
GGAAFFISEC
Klanginstallation

Aus den Melodienoten der Kirchenlieder Nr. 124-137 des Evangelischen Gesangbuches werden die acht am häufigsten vorkommenden für einen zwei Wochen lang gehaltenen Orgelakkord ermittelt. Diese Noten erklingen als Töne in evangelischen Kirchen zur Pfingstzeit (Pfingsten fällt 2009 auf den 31. Mai) und werden in der Weißfrauen Diakoniekirche als klangliche Essenz, zur "Stimmung", als Referenz zum halligen Innenraum des Kirchenbaues, aber auch zu dem im Innenstadtbereich ständig vorhandenen Raunen des Verkehrs festgehalten.

Das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main hat eine hohe Komplexität. Dem vorbeieilenden Besucher des Viertels fallen sicher die zahlreichen Läden mit Billigprodukten auf - dorther stammen die Klangerzeuger für die Installation: acht kleine Keyboards in Plastikgehäuse. Diese sind bereits gebraucht und wurden von Kindern in einem Kurs zur Musikerziehung zum Teil beschriftet. Die bisweilen quäkenden und rauschenden Klänge solcher Keyboards stehen im Gegensatz zum einst Vertrauen, Innigkeit, Harmonie und spirituelle Wärme generierenden Kirchenlied, dass nicht nur durch mehr oder minder mächtigen Orgelklang, sondern auch durch das gemeinsame Singen bestimmt war. Als Surrogat dieser Lieder bleibt, zeitlich entrückt, in der Installation GGAAFFISEC nur der tonale Kern zu hören.

Im Bahnhofsviertel gibt es andere Orte, die man erst kennen lernt, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. In der Weißfrauen Diakoniekirche vereinen sich die Funktionen einer Einrichtung, an der Spiritualität (nicht nur durch die konstituierende Eigenschaft der Kirche, sondern auch durch die in ihr stattfindenden Kunstprojekte) und soziale Praxis (wie durch den im Untergeschoss befindlichen Tagestreff für Menschen ohne Wohnung) vereint sind.

Freitag, 27. März 2009, bis 15.05.2009

Stefan Bressel - WOLKENKUCKUCKSHEIM
Eröffnung: Freitag, 27. März 2009 um 20.00 Uhr
Einführung: Dr. Andreas Bee, Museum für Moderne Kunst Frankfurt

Wo oder was ist eigentlich Wolkenkuckucksheim? Das Wort scheint wie ein Wolpertinger, der sagenumwobene bayerische Zivilisationsflüchter, und wem wurde nicht schon vorgehalten er würde dort und nicht auf dem Boden der Tatsachen leben. Ein Ort in den Wolken also, ein Luftschloss vielleicht, zwischen Himmel und Erde, die Stadt der "Vögel" von Aristophanes, wie man weiß. Weil die Luft aber überall ist, kann Wolkenkuckucksheim folglich auch überall sein, auf der ganzen Welt, und wenn auch nur als Projektionsfläche unserer Wüsche und Träume. Den Kuckuck, der so nett sein "Hallo" ruft, sieht man eigentlich nie, denn kaum glaubt man die Richtung erlauscht zu haben, aus der sein Ruf kam, so schallt der gleiche Ruf schon wieder aus einer anderen Richtung. Gerne legt er seine Eier in fremde Nester um sich die lästige Arbeit von Brut und Aufzucht zu sparen - entweder weil er einfach immer unterwegs ist, oder aber ganz absichtsvoll um jemand ein Kuckucksei zu legen. Ein Heim muss am Ende aber doch so etwas wie ein zu Hause sein, auch wenn es in den Wolken liegt… ein Ort der Schutz und Geborgenheit bietet, mit einem Tisch, einem Stuhl einem Bett… Wolkenkuckucksheim — mit einem Tisch, einem Stuhl, einem Bett, einem Teppich und einem Vorhang hat der Frankfurter Künstler Stefan Bressel den Raum der Weißfrauen Diakoniekirche möbliert. Im Mittelpunkt dieses Eingriffes steht die Einbeziehung des Altartisches. Die gezeigten Objekte sind dreidimensionale Arbeiten, bei denen das Volumen eigentlich keine Rolle spielt. Sie bezeichnen als Körper bekannte Möbel und dienen dabei wiederum als Unterlage oder Projektionsfläche für ornamentale Zeichnungen, die über Wunsch und Erinnerung reflektieren.

Pizza auf dem Altar
Vergrößern Pizza auf dem Altar
Bild: FR/Hoyer

Pizza auf dem Altar

Pizza beim letzten Abendmahl. Was gotteslästerlich klingt, ist für Gerald Hintze etwas, das auf der Hand liegt. Der Altar in der Weißfrauen Diakoniekirche hat sich verwandelt. Von einem Steintisch in... ja, in was eigentlich? Verpackt ist er in Pizzaschachteln. Komplett. "Aus dem Ritus wird Spiel", sagt Hintze. Mit der Erinnerung an das letzte Abendmahl.

Gewagt - so könnte man die Ausstellung des Künstlers Stefan Bressel durchaus nennen. "Aber sie soll nicht skandalisieren", darauf besteht Gerald Hintze, der Kurator der Diakoniekirche. Vielmehr will der Frankfurter Künstler das Bild eines Raumes schaffen: "Wolkenkuckucksheim" - so lautet auch der Titel der Ausstellung. Mit einem Tisch, einem Stuhl, einem Bett, einem Teppich und einem Vorhang hat Bressel den Kirchenraum möbliert.

Der Stuhl ist aus Pappe, also nicht zum Draufsitzen gedacht. Der Teppich ist eine Abpausung: feine Linien, Ornamente, Muster auf transparentem Papier. Das alles ist für Stefan Bressel das "Wolkenkuckucksheim": der sagenumwobene Ort zwischen Himmel und Erde, der letztlich nur "eine Projektionsfläche unserer Wünsche und Träume ist", wie der Künstler bedeutet. Der Begriff selbst stammt aus der Komödie "Die Vögel" des griechischen Dichters Aristophanes - dort als eine Art Luftschloss. Heruntergebrochen die Ecke an der Weser-/Gutleutstraße "steht das für die Diakonie hier im Bahnhofsviertel", sagt Hintze. Für den Tagestreff, für das Übergangswohnhaus für Menschen ohne Wohung. An dieser Ecke stehen mit der Diakoniekirche Glaube und Hilfe in einem engen Zusammenhang. Gerade deshalb müsse der Ort immer wieder neu aktualisiert werden - auch mit Kunst.


Schon seit Jahren lädt die Diakoniekirche Künstler der unterschiedlichsten Stile ein. Zuletzt Stefan Bressel, dessen Arbeiten Hintze schon lange verfolgt. Als nächstes kommt Marc Behrens, das steht schon fest. Ein bildender Künstler, der im Sound- und Klangbereich arbeitet. Für die Eröffnung am Freitag vor Pfingsten hat Behrens alle Lieder im Gesangbuch ausgewertet, um sie auf acht kleinen Orgeln wiederzugeben. "Wie ein Surrogat des Pfingstklangs", schwärmt Hintze jetzt schon.

Reaktionen auf die laufende Ausstellung gebe es auch schon reichlich. Wie von drei älteren Herren, an die sich Hintze erinnert, und die den verpackten Altartisch beäugten. Nachdem sie verstanden hatten, was es damit auf sich hat - der Bezug von Wärme, Gemeinschaft und Zusammensein - stimmten sie zu: "Das Abendmahl sei sonst immer so kalt." Von wegen gotteslästerlich.

[Markus Bulgrin am 17. April 2009 in der Frankfurter Rundschau]

 

Dienstag, 31. März 2009
Freitag, 3. April 2009
Dienstag, 7. April 2009
Gründonnerstag, 9. April 2009

MANFRED KLUGE: VATER UNSER IM HIMMELREICH / ANRUFUNG
Mittagsgebet mit Orgelstück
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Lesung
anschließend SamowarBar


Mittwoch, 8. April 2009


Filmabend mit SamowarBar
IL VANGELO SECONDO MATTEO
DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS

Regie: Pier Paolo Pasolini · 136’, s/w, Italien 1964
Buch: Pier Paolo Pasolini nach dem Matthäus-Evangelium. Musik: Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Sergej Prokofjew, Anton Webern, Luis Enriquez Bacalov. Mit Enrique Irazoqui, Margherita Caruso, Susanna Pasolini, Marcello Morante, Mario Socrate, Giorgio Agamben.
Pier Paolo Pasolinis Verfilmung war der erste Versuch, die Lebensgeschichte Jesu in einer realistischen Form zu verfilmen. Er schuf damit ein Gegengewicht zu den pompösen Hollywood-Epen, die an den religiös menschlichen Aspekten des Neuen Testaments herzlich wenig interessiert waren und die biblische Vorlage als Geschichte für eine farbenfrohe Show missbrauchten.
Pasolini wählte als Kulisse seines Films die karge Landschaft Süditaliens mit ihren ärmlichen Feldern und halbverfallenen Dörfern. Auch einen Großteil der dort ansässigen Bevölkerung bezog er in die Aufnahmen mit ein. Für die Rolle der Maria verpflichtete Pasolini seine eigene Mutter Susanna. Pasolinis Werk gewann auf den Filmfestspielen von Venedig 1964 den Preis der Jury.


Karfreitag, 10. April 2009


SEI NICHT FERNE VON MIR, DENN ANGST IST NAHE
Diakoniegottesdienst mit Abendmahl
Diakoniepfarrer Dr. Michael Frase
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Lesung

 

Freitag, 29.05.2009, bis 12.06.2009

Marc Behrens: GGAAFFISEC - Klanginstallation
Aus den Melodienoten der Kirchenlieder Nr. 124-137 des Evangelischen Gesangbuches werden die acht am häufigsten vorkommenden für einen zwei Wochen lang gehaltenen Orgelakkord ermittelt. Diese Noten erklingen als Töne in evangelischen Kirchen zur Pfingstzeit (Pfingsten fällt 2009 auf den 31. Mai) und werden in der Weißfrauen Diakoniekirche als klangliche Essenz, zur "Stimmung", als Referenz zum halligen Innenraum des Kirchenbaues, aber auch zu dem im Innenstadtbereich ständig vorhandenen Raunen des Verkehrs festgehalten.

Das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main hat eine hohe Komplexität. Dem vorbeieilenden Besucher des Viertels fallen sicher die zahlreichen Läden mit Billigprodukten auf - dorther stammen die Klangerzeuger für die Installation: acht kleine Keyboards in Plastikgehäuse. Diese sind bereits gebraucht und wurden von Kindern in einem Kurs zur Musikerziehung zum Teil beschriftet. Die bisweilen quäkenden und rauschenden Klänge solcher Keyboards stehen im Gegensatz zum einst Vertrauen, Innigkeit, Harmonie und spirituelle Wärme generierenden Kirchenlied, dass nicht nur durch mehr oder minder mächtigen Orgelklang, sondern auch durch das gemeinsame Singen bestimmt war. Als Surrogat dieser Lieder bleibt, zeitlich entrückt, in der Installation GGAAFFISEC nur der tonale Kern zu hören.

Im Bahnhofsviertel gibt es andere Orte, die man erst kennen lernt, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. In der Weißfrauen Diakoniekirche vereinen sich die Funktionen einer Einrichtung, an der Spiritualität (nicht nur durch die konstituierende Eigenschaft der Kirche, sondern auch durch die in ihr stattfindenden Kunstprojekte) und soziale Praxis (wie durch den im Untergeschoss befindlichen Tagestreff für Menschen ohne Wohnung) vereint sind.

Eröffnung am Freitag, den 29. Mai 2009 von 20 bis 23 Uhr
Dauer der Installation bis 12. Juni 2009
Montag bis Freitag, 12 bis 16 Uhr


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