Bahnhofsviertelnacht: BROT UND WEIN
Nachtmahl
„Wir leben, wir sterben und wir lieben nicht auf einem rechteckigen Blatt Papier. Wir leben, wir sterben und wir lieben in einem gegliederten, vielfach unterteilten Raum mit hellen und dunklen Bereichen, mit unterschiedlichen Ebenen, Stufen, Vertiefungen und Vorsprüngen, mit harten und weichen, leicht zu durchdringenden, porösen Gebieten. Es gibt Durchgangszonen wie Straßen, Eisenbahnzüge oder Untergrundbahnen. Es gibt offene Ruheplätze wie Cafés, Kinos, Strände oder Hotels. Und es gibt schließlich geschlossene Bereiche der Ruhe und des Zuhause. Unter all diesen verschiedenen Orten gibt es nun solche, die vollkommen anders sind als die übrigen. Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen. Es sind gleichsam Gegenräume. Das heißt, die Orte, welche die Gesellschaft an ihren Rändern unterhält, sind für Menschen gedacht, die sich im Hinblick auf den Durchschnitt oder die geforderte Norm abweichend verhalten.“ Diese Art von Gegenräumen an den Rändern unserer Gesellschaft werden von Michel Foucault als Heterotopien beschrieben, und es ist sehr nahe liegend und angemessen, diese Begrifflichkeit für die Ecke Weser-/Gutleutstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel ebenfalls zu gebrauchen, denn hier liegen an einem Ort ein Diakoniezentrum und eine Diakoniekirche. Um diese Ecke geht es beim Nachtmahl während der Bahnhofsviertelnacht.
DER MÜDE TOD
16. FRANKFURTER KINOWOCHE - KINO AN UNGEWÖHNLICHEN ORTEN
DE 1921 | Regie: Fritz Lang | Darsteller: Bernhard Goetzke, Lil Dagover, Walter Janssen | 95 min
Musikalische Begleitung: Günter A. Buchwald
In Fritz Langs DER MÜDE TOD erbittet ein junges Mädchen vom Tod das Leben ihres verstorbenen Geliebten zurück. Er führt sie in einen Raum voller Kerzen. Es sind die Lebenslichter der Menschen, die dort brennen und verlöschen, sobald ein Leben zu Ende geht. Drei sind schon weit heruntergebrannt, und wenn es ihr gelingt, nur eines vor dem Verlöschen zu bewahren, erhält sie ihren Geliebten zurück. In drei visionären Episoden – sie spielen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten im Orient, im Italien der Renaissance und im kaiserlichen China – erlebt sie das Schicksal und Scheitern ihrer Liebe. Noch einmal gibt der Tod ihr eine Chance, wenn sie für das Leben des Geliebten ein anderes erhält. Doch auch das gelingt ihr nicht. Erst als sie sich selbst opfert – sie rettet ein Kind aus den Flammen – werden die Liebenden im Tod vereint.

Fotos: DIF/Uwe Dettmar
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DER MANN OHNE VERGANGENHEIT. Mies vailla menneis yyttä
16. FRANKFURTER KINOWOCHE - KINO AN UNGEWÖHNLICHEN ORTEN
FIN/DE/FR 2002 | Regie: Aki Kaurismäki | Darsteller: Markku Peltola, Kati Outinen | 97 min | OmU
Aki Kaurismäkis merkwürdige Heldenfamilie würde sich hier im Bahnhofsviertel zu Hause fühlen. Seine Figuren, meist auf sich allein gestellt, kurz vor dem sozialen Abstieg und unterwegs, widersetzen sich wortkarg einer Welt widriger Lebensumstände. DER MANN OHNE VERGANGENHEIT wird zusammengeschlagen, verliert sein Gedächtnis und damit seine Identität. Kaurismäki schreibt diesem bereits Totgesagten eine Auferstehungsgeschichte zu, eine Menschwerdung. Mit stoischer Beharrlichkeit, einem Pionier gleich, fordert er einen Platz in der postindustriellen Gesellschaft, als soziales Notsystem entdeckt er die Solidarität unter den Ärmsten und die Liebe zu einer Heilsarmistin. Dem Leben am äußersten Rande des Wohlstandes nachspürend, ist die märchenhaft stilisierte und in surreal überhöhten Farben gestaltete Geschichte in einen Schwebezustand angesiedelt zwischen Tragik und Komik, Melodram und Realismus.

Fotos: DIF/Uwe Dettmar
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SABA-Projekt mit Anny und Sibel Öztürk
Eröffnung
Selbstbestimmtheit erlangen, Perspektiven eröffnen, Schulabschlüsse nachholen - die SABA-Projekte der Crespo Foundation fördern Migrantinnen, die Teil der deutschen Bildungsgemeinschaft werden wollen. Das Lebensumfeld der Frauen bietet ihnen oft wenig Unterstützung auf dem Weg in eine selbstbestimmte Zukunft; die Entscheidung, zusätzliche Qualifikationen in Richtung Berufsleben zu erwerben, ist oft eine einsame. Im Oktober 2009 startete ein Kreativprojekt für den dritten Jahrgang der SABA-Stipendiatinnen. Zusammen mit den beiden Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk hat die Gruppe bei monatlichen Treffen bis zum Sommer 2010 an ihren kreativen sprachlichen und nichtsprachlichen Ausdrucksformen gearbeitet, die eigenen Wünschen und Ziele künstlerisch erfaßt und biographische Erlebnisse in schöpferische Prozesse gekleidet. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung ab dem 30. Juni 2010 in der Weißfrauen Diakoniekirche zu bewundern sein. Anny und Sibel Öztürk, 1970 und 1975 geboren, haben beide an der Frankfurter Städelschule studiert und treten auch als Künstlerinnen gemeinsam auf. Die Medien, derer sie sich bedienen sind vielfältig, ihren thematischen Mittelpunkt allerdings haben die Schwestern fest im Blick: Ihre Filme, Zeichnungen, Objekte oder Installationen setzen sich dezidiert mit den Erscheinungsformen kultureller Identität auseinander. Die Projekt-Ausstellung ist bis zum 23. Juli zu sehen.
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Junge Immigrantinnen bauen ein Haus in der Weißfrauen Diakoniekirche
von Anita Strecker | Frankfurter Rundschau, 6. Juli 2010
Sie malt, als ginge es um ihr Leben. Und es geht auch um ihr Leben, sagt die junge Frau. Über die Bilder hat sie Mut und Kraft entwickelt, sich von ihrer Familie, Ängsten und Zwängen zu lösen und für sich und ihre Kinder neue Perspektiven zu eröffnen. Vor gut einem Jahr hätte sie keine Sekunde daran gedacht. So wie sie nie gedacht hätte, je zu malen - so wenig wie 16 weitere Frauen in dem einjährigen Kreativprojekt.
Aber dann kam Saba. Das Bildungs- und Kulturprojekt der Crespo Foundation, das den Frauen aus Afghanistan, Bosnien, Eritrea, Pakistan, der Türkei zwischen 19 und 36 via Stipendium Schulabschlüsse oder Ausbildungen eröffnet. Nicht nur: Die Teilnehmerinnen sollen über Kunst über sich reflektieren, neue Formen kennen lernen, um sich auszudrücken, neue Fähigkeiten an sich entdecken und Selbstwertgefühl entdecken, zählen Karin Heyl, Geschäftsführerin der Crespo Stiftung, und Saba-Projektleiterin Cora Stein auf.
Das einjährige Kunstprojekt ist Pflicht für die Stipendiatinnen. Im Rückblick würde das aber keine mehr so nennen. Und kein Besucher der Abschlussausstellung, die im lichten Raum von Weißfrauen Diakoniekirche im Bahnhofsviertel zu sehen ist, käme auf diese Idee. Obwohl alle Frauen anfangs gesagt hatten, "das kann ich nicht, das will ich nicht", wie die Frankfurter Künstlerin Anny Öztürk erzählt, die mit ihrer Künstler-Schwester Sibel das Projekt geleitet hat. Einmal im Monat haben sich die Frauen getroffen, sind in Museen gegangen, haben Künstlerinnen besucht, Kataloge gewälzt. Was ist Kunst? Spurensuche über die eigene Biographie. "Wir haben über unsere Kindheitserinnerungen gesprochen", sagt Anny Öztürk. Eine Frau aus Ex-Jugoslawien schildert traumatische Kriegserlebnisse. Ein Jahr hat sie im Wald gelebt, sich von Käfern und Baumrinden ernährt. Eine Frau aus Somalia erzählt wie sie von ihrem Mann angekettet und misshandelt wurde.
Die Erinnerungen sind Bilder der Ausstellung geworden. "Es war erschütternd", sagt Anny Öztürk. "Man selbst jammert über jeden Mist und da draußen gibt es noch ein ganz anderes Leben." Auch sie hat viel gelernt in dem Jahr, sagt Anny Öztürk. Auch alle Vorurteile sind verflogen wie Schlechtes Deutsch und Kopftuch ist gleich dumm. "Die Frauen haben sich geöffnet, haben gezeigt wie stark und klug sie sind."
Und sie haben gemalt. Der Einstieg war nicht leicht. Frida Kahlos Werk wurde Brücke wie die Bilder in der Ausstellung zeigen. Die Künstlerin stand Pate, dass man Glück und Leid chiffriert darstellen kann, sagt Anny Öztürk. Die Botschaft ist angekommen und mit ihren Werken und ihrem Schaffensdrang haben die jungen Frauen sogar ihre "Leiterinnen" überrascht. Und es ist noch viel mehr passiert, sagt Sibel Öztürk. "Die Frauen haben sich ausgetauscht, unterstützt, bestärkt." Sie sind zur engen Gemeinschaft zusammengewachsen - mit erstarkten Frauen, die ihr Leben in die Hand genommen haben.
Ihr Zusammengehörigkeitsgefühl haben die Frauen auch in der Ausstellung dokumentiert, sie wollten nicht nur Einzelbilder zeigen, sondern gemeinsam etwas schaffen. Vorlage lieferten ihre Künstler-Schwester, die einmal ein Haus als Installation gebaut hatten - in Anlehnung an ein altes osmanisches Recht, dass wer über Nacht ein Haus errichtet und kein Gericht das binnen sieben Jahren räumen lässt, der Grund für immer dem Hausbauer gehört.
Sechs Tage vor Ausstellungsbeginn haben die Saba-Frauen gemeinsam ihr buntes Haus in der Weißfrauen Diakoniekirche gebaut - stark genug, sich Raum zu nehmen.
Von fernen Ländern und Menschen
von Konstanze Crüwell | Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05. Juli 2010
Eine so fröhliche Vernissage erlebt man selten: 15 strahlende junge Frauen aus fernen Ländern präsentierten in der Weißfrauen-Diakoniekirche (Weser- Ecke Gutleutstraße) ihr gemeinsames Werk: ein originelles kleines Haus, außen mit vielen bunten Bildern geschmückt, ausgestattet mit einer selbstgebastelten TV-Schüssel und einer langen Wäscheleine, an denen lauter lustige Baby- und Kinderkleider aus Papier baumeln. Die Gemälde und Objekte dieser Installation haben die jungen Migrantinnen, allesamt Stipendiatinnen des SABA-Programms der Crespo Foundation, seit einem Jahr bei den monatlichen Treffen mit den Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk geschaffen.
Jetzt haben alle 15 Stipendiatinnen den Hauptschul- oder den Realschulabschluss geschafft und damit in den vergangenen zwölf Monaten ihr Ziel erreicht. Und so wurde die Ausstellungseröffnung zu einem bewegenden und herzerwärmenden Fest: Es galt, eingewanderte Frauen zu feiern, die sich mit enormem Fleiß und Engagement den Weg in eine aussichtsreiche Zukunft gebahnt haben. Angesichts dieser jungen Ausländerinnen, die sich so sichtbar über ihren Erfolg freuten und so überzeugend in ihrer Gewissheit wirkten, dass sich mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auch noch weitere Türen öffnen ließen, wurde das Leitmotiv der Crespo Foundation, "Menschen stark machen" unmittelbar anschaulich.
Die als Kreativprojekt bezeichnete künstlerische Arbeit, deren Resultate hier ausgestellt sind, betrachtet die Crespo Foundation als einen unverzichtbaren Baustein ihres Stipendienprogramms, das Migrantinnen zwischen 18 und 35 Jahren seit 2006 die Chance bietet, einen Schulabschluss nachzuholen, um sich danach weiter zu qualifizieren, eine Berufsausbildung zu beginnen oder einen Studiengang anzustreben. Das Programm umfasst Schulgeld, Bildungsgeld, Mittel für Nachhilfe, Monatskarte, Kinderbetreuung. Geboten werden außerdem regelmäßige Treffen in der Gruppe und eben auch das Kreativprojekt: Kunst könne ein Raum und eine Methode sein, die Welt "anders" wahrzunehmen, sei eine andere Form des Lernens, heißt es in einer Publikation des SABA-Bildungsstipendienprogramms für Migrantinnen. Daher bietet dieses Programm den Teilnehmerinnen auch die Möglichkeit, mit den beiden Malerinnen und Städelschulabsolventinnen Anny und Sibel Öztürk kreativ zu arbeiten: Beide setzen sich schon aufgrund ihrer eigenen multinationalen Familiengeschichte in ihren eigenen Arbeiten immer wieder mit Fragen der Identität auseinander und haben daher offensichtlich sehr rasch den Kontakt zu den Migrantinnen gewonnen. "Letztes Jahr war ich sehr hoffnungslos", schreibt eine Stipendiatin. "Nachdem ich SABA getroffen habe, ist alles anders geworden. Wenn jemand mir voriges Jahr gesagt hätte, dass ich den Hauptschulabschluss schaffe und danach den Realschulabschluss machen möchte, hätte ich nicht daran geglaubt. Ich bin sehr glücklich darüber."
GEDENKEN für die Opfer an den europäischen Außengrenzen
Lesung / Fürbitten / Nachtmahl / Nachtgebet
An den Außengrenzen der Europäischen Union finden immer mehr Menschen auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben den Tod. Sie fliehen vor der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch Kriege, Umweltkatastrophen, ungerechte Wirtschafts- und Handelsbedingungen und sie fliehen vor den gewalttätigen und diskriminierenden gesellschaftlichen Verhältnissen in ihren Herkunftsländern. Besonders dramatisch ist die Lage im Süden der EU, wo Mittelmeer und Atlantik die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Afrika bilden. Tausende Flüchtlinge und MigrantInnen versuchen in kleinen, seeuntüchtigen Booten die gefährliche Überfahrt – wie viele von ihnen auf dem Meer ertrinken, verdursten oder Opfer von Gewalttaten werden, kann nur geschätzt werden. Allein die spanischen Behörden gehen davon aus, dass im Jahr 2006 und nur vor den Kanaren rund 6000 Menschen gestorben sind. Flüchtlingsorganisationen befürchten, dass jede/r Zweite auf den Routen von Afrika über das offene Meer nach Europa ums Leben kommt. Auch an den östlichen Grenzen der EU finden vielfältige Menschenrechtsverletzungen statt, sei es durch lang andauernde Inhaftierungen von Flüchtlingen, durch den Ausbau menschenunwürdiger Flüchtlingslager und durch die Rückschiebungen von Flüchtlingen.
Beauftragte für Flüchtlingsaufnahme der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau
www.diakonie-hessen-nassau.de
Sexarbeit - eine Welt für sich
Lesung / Vortrag / Ausstellung / Bar
Sex-Dienstleistung ist in Deutschland legal, stark nachgefragt, seit dem Prostitutionsgesetz von 2001 nicht mehr sittenwidrig und dennoch weitgehend ein Tabuthema. In Frankfurt ist sie ein einträglicher Wirtschaftsfaktor, aber immer noch von krimineller Ausbeutung betroffen. Der 2. Juni ist Internationaler Hurentag. Vor 35 Jahren besetzten französische Prostituierte eine Kirche und traten in Streik: als politisches Zeichen gegen die gesellschaftliche Diskriminierung und für die Anerkennung ihrer Tätigkeit als Beruf. Frankfurter Einrichtungen erinnern daran und zeigen am 2. Juni die Szenische Lesung SEXARBEIT - EINE WELT FÜR SICH. Dieses aufklärende Projekt ist eine Collage authentischer Geschichten aus Arbeits- und Lebenswelten im Sexgewerbe. Die Schauspieler Ulrike Johannson und Thor W. Müller tragen zehn Milieugeschichten vor, begleitet von einer Toncollage und einer kleinen Ausstellung mit acht Original-Objekten aus dem Arbeitsalltag im Sexbusiness. Anschließend findet ein Kurzvortrag von Dr. Elisabeth von Dücker über Hintergründe der Sexarbeit statt, hier besteht die Gelegenheit für Publikums-Fragen und Gespräch sowie Austausch mit den Beteiligten. Die Lesung bietet Einsicht in soziale Realität: Hinter der Fassade von Glamour und Stigma haben nun die Frauen und Männer eine Stimme, über die sonst immer nur geredet wird.
Arbeitsbedingungen im Sexgewerbe sind in den öffentlichen Blick geraten mit dem Gesetz vom 1. Januar 2002, das die Diskriminierung von Prostitution als sittenwidrig aufhob und sie als Dienstleistung anerkannte. Ein Gesetz gegen Frauen- / Menschenhandel und Zwangsprostitution ist aus mancher Sicht in Deutschland überfällig. Es gibt jedoch extrem divergierende politische Positionen. Die politische Debatte z. B. über den neusten Entwurf einer Freierbestrafung - nach dem Vorbild des schwedischen Modells - scheint weder in der öffentlichen Diskussion, noch als Thematik mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein.
Im Prostitutionsgewerbe arbeiten in Deutschland nach Schätzungen der Bundesregierung ca. 400.000 weibliche Prostituierte. Über die Hälfe davon sind Migrantinnen, viele davon mit illegalem Aufenthaltstatus. Sie sind, obwohl freiwillig in der Prostitution tätig, um ihre Familien in den armen Ländern Osteuropas oder Lateinamerikas zu ernähren, erhöhter Ausbeutung und Gewalt durch SchleuserInnen, VermieterInnen und Zuhälter ausgesetzt. Von internationalen Netzwerken wie TAMPEP wird für diese Frauen eine Legalisierung des Aufenthalts gefordert.
In Deutschland bezahlen 1,2 Mio. Männer täglich für sexuelle Dienstleistungen von Prostituierten. Der Jahresumsatz im Sexgewerbe liegt in Deutschland bei ca. 14 Milliarden Euro.
Im Frauenhandel werden nach UN-Schätzungen allein in Europa 500.000 Frauen und Mädchen verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Etwa 10 Milliarden Jahresumsatz bringt dieser Sklavinnenhandel des 21. Jahrhunderts den FrauenhändlerInnen ein.
LINSE - WINTER/HÖRBELT
Eröffnung/Konzert /Bar - Ausstellung bis Ende August
Als Linse bezeichnet man ein optisch wirksames Bauelement mit zwei lichtbrechenden Flächen, von denen mindestens eine Fläche konvex oder konkav gewölbt ist. Die wichtigste Eigenschaft einer Linse ist die optische Abbildung. Mit ihrer künstlerischen Intervention LINSE bringen Winter und Hörbelt in diesem Sommer den Hintergrund der Physik in den Kirchenraum. Der Begriff des Raumes fand erst in der Renaissance Eingang in die Physik. Platon und Aristoteles hatten lediglich nach dem Wesen des Ortes gefragt. Wenn man über einen Ort weiß, dass sich etwas an ihm befindet oder dass er etwas enthält, dann stellt sich die Frage nach der Natur der Entität, das heißt nach dem Dasein im Unterschied zum Wesen eines Dinges. Die Entität kann verschiedene Dinge enthalten, ohne sich selbst zu ändern. Und als zweite Frage drängt sich auf, ob es einen leeren Ort geben kann. Beide Fragen lassen sich übrigens in der Frage zusammenfassen, ob der Raum absolut oder relativ ist, das heißt, ob er unabhängig von seinem Inhalt existiert, oder ob er lediglich die Vorstellung ist, die wir uns von den Grenzen der darin enthaltenden Gegenstände machen - in der Frage also, ob er reine Ausdehnung ist.
[Fotos: Peter Loewy]
DAS ATMEN DER ORGEL
von Christoph Schütte
„Kastenhäuser“, ein „Museum mit Kisten“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, „Baskets“ oder Tische unter dem Titel „Mensa“. Im Allgemeinen ist das skulpturale Werk des Künstlerduos Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt schlechterdings nicht zu übersehen. Nicht nur, weil es stets auf Kommunikation mit dem und Aneignung durch den Betrachter angelegt ist und sich mithin erst im öffentlichen Raum bewährt. Sondern auch, weil es einen Raum recht eigentlich erst definiert und schafft. Das galt schon für das weiße, mit seiner Atmosphäre an einen Meditationsraum gemahnende „Kastenhaus“ aus Getränkekisten, das die beiden Frankfurter Künstler während des Kirchentages 2001 an das Mainufer setzten, für das „MMK“ im MMK oder für ihre zahlreichen Sessel und leuchtenden Bänke in Parks und Grünlangen.
Insofern man sich angesichts der aktuellen, eigens für diesen Ort entstandenen Arbeit in der Frankfurter Weißfrauen Diakoniekirche verblüfft die Augen reiben. Denn zunächst einmal sieht man: nichts. Oder wenigstens fast nichts. Der künstlerische Eingriff des Duos ist zurückhaltend, ja minimal. Winter und Hörbelt haben eine schlichte konvexe Linse in die durchbrochene Betonwand zum Kirchenraum gebaut, das ist auf den ersten Blick dann aber schon alles. Und wäre, trotz des auf diese Weise erreichten, den Raum verdichtenden und kaleidoskopartigen Effekts, vermutlich doch ein bißchen wenig. Wie genau freilich die Ausstellung konzipiert und wie präzise sie auf den von den Künstlern vorgefundenen Kontext bezogen ist, erschließt sich dem Besucher erst allmählich, genauer: zu jeder vollen Stunde.
Winter und Hörbelt haben ihrer „Linse“ eine Soundarbeit für die Kirchenorgel zur Seite gestellt. Mit zwölf Metallgewichten, die, nacheinander auf zwölf Tasten aufgelegt, Ton für Ton einen weiteren, aus nichts als Klang gebauten Raum generieren, bis die Künstler dem vollen, satten und die ganze Kirche erfüllenden Klang des Instrumentes buchstäblich die Luft abdrehen. Und die Orgel hörbar „ausatmet“, dann und wann fast ein wenig stottert, bis sie nach zwei, drei Minuten endlich ganz verstummt, als hauche sie gerade ihre Seele aus. Ein schlicht großartiger Moment.
Als Einzelarbeit ist dieses minimalistische „Orgelpfeifenblowout“ fraglos spektakulärer als der optische Effekt der „Linse“. Doch erst im Zusammenspiel offenbart sich der ganze Zauber der kleinen Schau. Denn nun erst entfaltet sich das ganze Spannungsfeld der beiden Arbeiten, treffen sich die kalkuliert präparierten Linien des realen, gespiegelten und imaginierten, des weiten und verdichteten, des sakralen, architektonischen, sozialen und gänzlich abstrakten Raums an einen Punkt, der seltsam schillert, die Zeit und den Ort mit allen von den Künstlern zur Verfügung gestellten Parametern aber trotzdem präzise vermißt. Und genau dort steht der Betrachter. Und staunt.
[FAZ,12.8.2010]
DER MOND IST AUFGEGANGEN. Ein Abend für Matthias Claudius
Lieder & Texte / Brot & Wein
Wer nichts von ihm kennt, der kennt das Abendlied Der Mond ist aufgegangen, mit dem Matthias Claudius (1740-1815) in das empfindungsfähige Gedächtnis der Menschen eingegangen ist, und das, für viele jedenfalls, ein Anknüpfungspunkt persönlicher Erinnerung geblieben ist. Der Herausgeber des „Wandsbecker Boten“, der ersten deutschen Volkszeitung für Politik, Wissenschaft und Kultur, entwickelte in seinem Leben eine unprätentiöse und fröhliche Menschlichkeit. Sein Werk ist Zeugnis eines unkonventionellen, dabei christlich-frommen und menschenfreundlichen Geistes. Motiviert durch seine ganz persönlichen musikalischen Kenntnisse und Fähigkeiten, kommt in seiner Lyrik ein Ton zur Sprache, der, und dies schon zu seinen Lebzeiten, viele Komponisten angeregt hat, seine Verse in Musik zu setzen.
Programmheft "DER MOND IST AUFGEGANGEN. Ein Nachtmahl für Matthias Claudius" zum Download
„Unsern kranken Nachbar auch“
Musikalisches Nachtmahl für Matthias Claudius in der Diakoniekirche
Die lange Tafel ist gedeckt: Das Brot direkt auf den Tisch, auf jeden Platz ein Rotweinglas, ein Programmheft mit einem Porträt von Matthias Claudius auf der Titelseite und ein Gesangbuch. Aufgeschlagen ist Lied Nr. 482: „Der Mond ist aufgegangen“. Das Klavier steht bereit.
So einfach und überzeugend lud Kurator Gerald Hintze zum Nachtmahl für Matthias Claudius in die Weißfrauen Diakoniekirche ein. „Der Dichter“, sagte er in seiner Begrüßung, „war ein aufgeklärter Mensch und gleichzeitig sehr fromm. Er passt zu diesem Ort nahe WESER5, wo Wohnsitzlose auf ganz unterschiedliche Weise vom Sternenzelt beschützt werden.“
Matthias Claudius wurde 1740 in Holstein in eine Familie geboren, in der der Beruf des protestantischen Pfarrers seit 150 Jahren gängig war. Er studierte also Theologie, dann Jura und Wirtschaft, verließ die Universität jedoch ohne Abschluss und hatte sein Leben lang keine feste Stelle. Aber der „Wandsbeker Bothe“, ein vierseitiges Blatt, wurde unter seiner Federführung in ganz Deutschland bekannt. Darin veröffentlichte er Gedichte und Lieder, Rezensionen, philosophische Abhandlungen und religiöse Betrachtungen sowie einen fiktiven Briefwechsel mit einem Vetter, in dem er die Tagesereignisse weise und humorvoll kommentierte. In Wandsbek bei Hamburg heiratete er auch Rebekka, die 17-jährige Tochter eines Schreinermeisters und führte eine überaus glückliche Ehe mit ihr, aus der zwölf Kinder hervorgingen. Dabei waren die materiellen Lebensbedingungen bescheiden. Das änderte sich erst, als der dänische Kronprinz ihm eine Jahrespension gewährte. Das Leben dieses menschenfreundlichen Dichters skizzierte Michael Berg beim Nachtmahl und hob dabei dessen Glauben an die Brüderlichkeit aller Menschen hervor.
Zunächst aber wurde Claudius berühmtes Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ nicht gesungen, sondern von Schauspieler Matthias Scheuring vorgelesen. Dadurch erhielten die bekannten Verse neuen Glanz. Weniger bekannte, aber nicht minder anrührende, vertonte Texte des Dichters trugen die Baritone Thomas Charrois und Gerhard Singer zusammen mit den Sopranistinnen Steffi Freidank und Simone Paus vor. Begleitet von Michael Berg am Klavier gelang es ihnen, die tiefe Frömmigkeit und das heitere Gottvertrauen des Dichters zum Ausdruck zu bringen: „Ich danke Gott und freue mich/Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,/ Daß ich bin, bin! Und daß ich dich, /Schön menschlich Antlitz habe“, heißt es etwa in „Täglich zu singen“. Zwischendurch las Scheuering immer wieder kleine Prosatexte aus dem „Wandsbeker Bothen“, die die rund 40 Menschen, die sich zum Nachtmahl eingefunden hatten, oft erheiterten. Zum gut ausgedachten Schluss durften dann doch noch alle gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ singen – mit schönen Solopartien der Sänger. Kurator Hintze erhob sein Glas auf den „kranken Nachbar“, der im Abendlied, aber auch in WESER5, so brüderlich bedacht wird.
[Evangelisches Frankfurt, Juni 2010]
[Stephanie von Selchow]
10.05.2010 bis 21.05.2010, 18:00 - 21:00 Uhr
LOOKAHEAD - FLORIAN JENETTMontag, 10. Mai 2010, 20 Uhr
Eröffnung / Bar
Die Skulptur Lookahead besteht aus einer aufblasbaren Radarkuppel mit einem Durchmesser von 12,5 Metern. Die Arbeit beschäftigt sich mit Strategien der Projektion des Zukünftigen und deren Auswirkungen auf Entscheidungen im Jetzt. Die Form der Kuppel vereint dazu zwei gegensätzliche Haltungsmöglichkeiten. Kugel- und Kuppelbauten begegnen uns oft als Versinnbildlichung von etwas Größerem, als Himmelsdach in sakralen Bauten (Synagogen, Kirchen, Moscheen) oder als architektonischer Gegenentwurf in Zukunftsszenarien und Utopien (Bio-Sphäre, Buckminster Fuller, Domehouse Bewegung). Als begehbare Räume stellen diese Bauten die Besucher ins Zentrum. Sie sind Orte der Gemeinschaft, der Geborgenheit und zugleich Orte der Konzentration und des Ausblicks. In ihrem Inneren kann man von einem Ort aus alle Seiten der Kuppel sehen. Jeder Blick trifft immer auf die allumspannende Außenhaut und wird damit zu einem Blick auf das Ganze. Die Kuppel von Lookahead ist ein Nachbau einer von der Bundeswehr während des Kalten Krieges auf der Wasserkuppe betriebenen Radaranlage. Sie setzt sich aus einem quasi-zufälligen Facettenmuster zusammen, das einen Kompromiß zwischen funktionalen Eigenschaften und den Ansprüchen des Radars darstellt. Es entstand eine Form, deren Interpretationsmöglichkeiten die Kuppel zu einer industriellen Skulptur machen.
Doppelpaß im Rotlichtviertel
Von Zylvia Auerbach
Mit der gegenläufigen Dynamik von “Projektionen des Zukünftigen und deren Auswirkungen auf Entscheidungen im Hier und Jetzt” beschäftigt sich Florian Jenetts Rauminstallation "Lookahead" in der Frankfurter Weißfrauen Diakoniekirche.
Anachronistisch steht ein riesiger geodätischer Dom inmitten des Kirchenschiffs. Rein formal befindet sich die futuristische, runde weiße Kuppel mit ihrem Netz aus Dodekaedern im Dialog mit den architektonischen Eigenschaften der großen Saalkirche, dem Linienmuster der minimalistischen Natursteinfliesen auf dem Boden als auch mit den runden, farbigen Kirchenfenstern hoch oben im Raum. Besonders hervor gehoben wird die Verbindung von Objekt und Raum in den Momenten, da das Sonnenlicht durch die Glasfenster schimmert und seine Reflektionen die weiße Außenhaut der Domkuppel in ein flüchtiges Spiel bunter Projektionen tauchen.
Um ins Innere der Kuppel zu gelangen, tritt der Besucher aus dem Durchgang, durch eine Druckschleuse hindurch, hinein in den mit Luft gefüllten Ballon. Außen weiß und innen bunt, überrascht die Innenhaut der Domkuppel in schillernder Perspektivenvielfalt mit Details großformatiger, malerisch verfremdeter Werbemotive. Vollkommen wird hier auf das Trugbild des einen vorherrschenden Blickpunktes verzichtet.
Das intime Refugium des Doms im Inneren des Schutzraums der Kirche verbindet Begriffe von Freiheit und Verschluß – der Besucher befindet sich in einem hermetisch abgeriegelten Innenraum, gleichzeitig an einem imaginären Zufluchtsort und immer inmitten der Alltagsrealität dieses besonderen urbanen Brennpunktes im Frankfurter Rotlichtmilieu.
Angenommen, die Inkarnation – also die Fleischwerdung des Menschen – mache seine Räumlichkeit aus, dann wären die Folgen immens. Gaston Bachelard hat aus dieser Grundbestimmung unseres Lebens gefolgert, es müsse analog zur Psychoanalyse eine „Topo-Analyse“ geben, „also das systematische psychologische Studium der Örtlichkeiten unseres inneren Lebens.“ (1) Dahinter steht der Gedanke, daß es eine Korrespondenz zwischen den inneren und den äußeren Räumen gibt und beides aufeinander bezogen bleibt. Das Unbewußte lebt nicht irgendwo, sondern in inneren Räumen, die ihre Entsprechung im Äußeren finden. Das Haus beschützt die Träumerei und umhegt den Träumer. Spätestens seit Etienne-Louis Boulées (1728-1799) utopischen Ausführungen von Kuppelbauten, z.B. dem Kenotaph für Newton, sind Gebäude, idealisiert und geträumt, die große Integrationsmacht für Gedanken und Erinnerungen, Sehnsüchte und Träumereien.
Florian Jenetts künstlich geschaffener Raum im Raum hat einen Durchmesser von ca. 15 Metern und besteht gänzlich aus geometrischen Transformationen eines Dodekaeders die, bunten Schmetterlingsflügeln gleich, aneinander gelegt sind. Vor allem durch die ökonomische Wiederverwertung perfekt zugeschnittener Formen aus ganz alltäglichen Werbeplanen, verbunden mit dem Gedanken an Ökonomie, wirtschaftliche Grundsätze und ein Interesse am durchgängigen systemischen Wirken natürlicher Prinzipien knüpft Florian Jenett an Ideen des ikonischen amerikanischen Fortschrittsdenkers und Gestalters Buckminster-Fuller (1895-1983) an. Fuller prägte den Begriff des geodätischen Doms in den 40er Jahren entscheidend mit.
Buckminster-Fullers Einfluss in der zeitgenössischen Kunst ist 27 Jahre nach seinem Tod stärker denn je zu erkennen: Wenn Olafur Eliasson wie in „Blind Pavillon“ aus energiegeladenen Stahl- und Glasformen baut und so hofft Raumwahrnehmung zu dynamisieren, oder wenn die Skulpturen von Pedro Reyes und Josiah McElheny auf eine Auseinandersetzung mit geometrischen Visionen zurück gehen so ist dies Buckminster-Fuller geschuldet. Selbst Andrea Zittels Performance-Installationen „Living Units“ nehmen mit ihrer Idee des effizienten Wohnens auf allerengstem Raum direkte Anleihen bei Buckminster-Fullers spleenigen Wohnhausdesigns.
Mit seinem “Lookahead” Dom also, befindet Florian Jenett sich künstlerisch in illustrer Gesellschaft. Wie geodätische Kuppeln allgemein, zeichnet sich der “Lookahead” Dom Jenetts durch große Stabilität und ein günstiges Verhältnis von Material zu Volumen aus. Als Lebensraum bietet der Dom Vorteile durch natürlichere Schallverteilung und Luftzirkulation. Zudem präsentieren Geodätische Kuppeln beste akustische Eigenschaften.
“Die Kuppel von LOOKAHEAD ist ein Nachbau einer von der Bundeswehr während des Kalten Krieges auf der Wasserkuppe (Rhön) betriebenen Radaranlage. Sie setzt sich aus einem quasi-zufälligen Facettenmuster zusammen, (…) Das Facettenmuster enthält zwei sehr gegensätzliche Elemente: zwischen regelmäßig platzierten Pentagrammen scheinen sich abstrakte Schmetterlinge frei zu bewegen. Aus rein rationellen Gründen entstand eine Form, deren Interpretationsmöglichkeiten die Kuppel zu einer industriellen Skulptur machen.” Florian Jenett
In der künstlerischen Tradition utopischer Lebensräume ist Florian Jenetts “Lookahead” eine zeitgemäße Neufassung und knüpft direkt an Arbeiten wie Bucky-Fuller’s “Dome Over Manhattan”, den “Clean Air Pod” von der Gruppe Ant Farm und “Oase Nr.7” von Haus-Rucker-Co an. Ähnlich der “Air Port City” von Thomas Saraceno stellt Florian Jenett mit seinem “Lookahead” Dom politische, soziale, kulturelle und militärische Grenzen infrage.
Die Person des Künstlers als Katalysator beschreibt Florian Jenetts Position wahrscheinlich am besten, denn Jenett arbeitet nicht nur als Künstler. Er ist auch Designer, Kurator, Organisator, Lehrer und nicht zu letzt arbeitet er als Forscher und Entwickler im Bereich der Neuen Medien. Dieser außergewöhnlich vielseitigen Praxis gerecht zu werden, ist vielleicht größte Herausforderung bei der Veranschaulichung von Florian Jenetts künstlerischen Strategien. Dementsprechend ist auch einer der zentralen Aspekte in den Arbeiten Florian Jenetts das Entwickeln von nutzbaren Synergien, Ob eine Tonne Centstuecke wie in der Arbeit “1t ct” oder das zu Pistolen gefrorene, gefärbte Wasser der Arbeit “Freeze”, wandelbare Phänomene der Ephemerisierung und Entropie bestimmen stets die Bilder in Florian Jenetts Kunst.
Wo das Morgen unsicher geworden ist, in einer Welt, in der Nachrichten von Erderwärmung, Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Ressourcenverknappung und geopolitischen Zwangslagen nicht nur Pessimisten zu dunklen Vorahnungen treiben werden Zukunftsvisionen wieder interessant. Indem Gerald Hintze, Kurator des Ausstellungsprojekts, die besondere Bedeutung von Florian Jenetts Arbeit an einem Ort betont, der Menschen ohne Wohnung einen geschützten Raum bietet, erlaubt er dem Künstler mit seiner Installation “Lookahead” ein Zeichen zu setzen. Bildhaft verweist Florian Jenett nicht nur auf kulturelle und gesellschaftliche Problemstellungen, er bietet dem Betrachter den Lösungsansatz gleich mit am. In diesem Sinne dürfen wir gespannt in die Zukunft schauen, und uns auf weitere Arbeiten von Florian Jenett freuen. We’re looking ahead mesmerized.
1 Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, 35
Blick nach vorn
Von Mia Beck
(Frankfurter Rundschau, 14. Mai 2010)
Die Installation Lookahead des HfG-Absolventen Florian Jenett betritt man durch eine Türschleuse, ein System, das man aus Krankenhäusern kennt. Zunächst wird eine Tür geöffnet und der Besucher betritt einen Schleusengang. Nachdem diese Tür geschlossen wurde, gelangt man durch eine weitere in einen Raum, der wie das Innere eines bunten Balls wirkt.
Der Ausstellungsbesucher ist umgeben von einer Kuppel mit einem Durchmesser von zwölfeinhalb und einer Höhe von zehn Metern. Sie ist aus fünf- und sechseckigen Plastikplanen-Teilen zusammensetzt, auf denen es Fragmente klassischer Lifestyle- und Werbe-Motive, Abbildungen technischer Apparaturen (Fernbedienung, Steckdose) und auch ein paar lachende Fußballfans zu entdecken gibt. Blickt man weiter umher, fallen einem Vielecke in zartem Rosa auf, die mit ihren verwischten Strukturen fliegenden Schmetterlingen ähneln. Es rieche nach Urlaub, findet eine Besucherin, und in der Tat erinnert der Gummigeruch des Baumaterials an dünne, aufblasbare Billigluftmatratzen und Wasserbälle.
Aus hölzernen Paletten, die mit schwarzen Gummimatten überzogen sind, wurde im Zentrum des Gebildes eine Sitzgelegenheit gebaut, ein Ort für die Kommunikation der Besucher. Der Ausdruck to look ahead bedeutet nach vorne blicken, für etwas Vorsorge treffen oder die Zukunft planen. Es scheint so, als könne dies ein geeigneter Ort sein, um sich über das Hier, das Jetzt und die Zukunft mit anderen auszutauschen.
Im Innern der Kuppel kann sich ein leichtes Schwindelgefühl einstellen, weil das Gebilde ein wenig in sich zusammenzusacken scheint. Es handelt sich um ein aufblasbares Behältnis, das durch eine kleine Zufuhrschleuse mit Luft versorgt wird. Der Druckabfall, der beim Öffnen der Tür entsteht, wird ausgeglichen, indem Luft nachgepumpt wird.
Jenett interessiert sich für Objekte, die er nachbauen kann. Bei "Lookahead" handelt es sich um den Nachbau einer Radarkuppel, die die Bundeswehr während des Kalten Krieges auf der Wasserkuppe betrieb.
Was ein Raum ist und was er bewirken kann, ist bis Ende Mai Thema in der Weißfrauen Diakoniekirche. Kurator Gerald Hintze sagt, dass diese Fragestellung an einem Ort, der Menschen ohne Wohnung einen geschützten Raum bietet, von besonderer Bedeutung sei.
Am 25. Mai folgt ein Abend mit Liedern des Lyrikers und Journalisten Matthias Claudius, der in seinem bekannten Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" nach Ansicht der Veranstalter das nächtliche Himmelszelt als Raum definierte. Am 27. Mai wird das Frankfurter Künstlerduo Winter/Hörbelt seine Vorstellung vom absoluten und relativen Raum in Form einer Linse präsentieren.
18.03. - 30.04.2010
PETER SAUERER:
DON'T TAKE YOUR GUNS TO TOWN
Ausstellungseröffnung mit einem Konzert von Jost Hecker (Cello) und Peter Sauerer (Akkordeon)
am 18.3.2010, 20 bis 23 Uhr
Ausstellung bis 30. April 2010
Montag bis Freitag von 12 bis 16 Uhr
FEHLER IM SYSTEM
Wir tappen immer wieder in die gleiche Falle: Wir haben keine Geduld, keine Zeit und wollen alles sofort, weil wir nicht sicher sind, was morgen oder was in einem Monat ist. Dabei wissen wir, dass wir uns eigentlich Zeit nehmen sollten, so wie der Künstler sich Zeit nehmen muss, um ein substantielles Werk zu schaffen. Solche Arbeiten aber, in denen Zeit und Erfahrung gespeichert sind, brauchen natürlich auch einen Betrachter, der nicht gleich in die Zeitfalle tappt und vor lauter Ungeduld das Eigentliche verpasst. Nur wer sich Zeit nimmt, wird das Kunstwerk als etwas kennen lernen, das ein Energiefeld zu schaffen in der Lage ist und einen kommunikativen Prozess anregen kann. Denn neben der sorgfältigen Betrachtung einer Sache ist es letztlich das laute und leise Sprechen über dieses und jenes, das auf uns stimulierend wirkt und uns miteinander verbindet. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, dass zwei Betrachter über dessen Bedeutung ein und desselben Arbeit einer Meinung sind. Ganz im Gegenteil. Oftmals lässt sich gerade über das differenzierende Moment ein nachhaltiger Kontakt zum anderen herstellen.
Gute Kunstwerke evozieren eine ganz unverwechselbare, eigentümlich vitale Aufmerksamkeit für die unbekannten Aspekte an einer Sache. Mit dem, was die Künstler tun, weisen sie darauf hin, dass die Dinge sich nicht in ihrer einmal festgelegten Gestalt und Funktion erschöpfen, sondern dass ihnen noch andere als die bekannten Möglichkeiten innewohnen. So kann uns zum Beispiel ein scheinbar harmloser Opferstock, in dem das Geld für die Bedürfnisse der Gemeinde gesammelt und aufbewahrt wird, plötzlich wieder überraschen. Peter Sauerers Opferstock sieht einem herkömmlichen Gotteskasten oder Oblationarium zum Verwechseln ähnlich. Zwar weist die Beschriftung „OFFERTA“ und „GRAZIE“ in goldenen Lettern auf eine italienische Abstammung, dennoch wird ihn niemand in der Weißfrauen Diakoniekirche als unpassend empfinden. Ganz im Gegenteil. Seine schlichte Form passt in dieses Gotteshaus im Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem die vielfältigen ethnischen Gruppen gegenüber der deutschen Bevölkerung deutlich überwiegen. Beinahe stumm fordert er also auch hier den Kirchenbesucher zu einer Spende auf. Doch erst jenen, die ihn tatsächlich mit Münzen füttern, gibt er seine wahre Natur zu erkennen. Denn er verweigert die Annahme und spuckt die mildtätige Gabe umgehend wieder aus. So als wäre er es Leid, nur Kleingeld zu sammeln. So als hätte er es satt, den Spendern zu einem guten Gewissen zu verhelfen. So als würde er ihnen sagen: "Im Frankfurter Bahnhofsviertel herrschen härtere Regeln und Sitten. Hier geht es darum, anzupacken und die gröbste Not zu lindern. Hier zählt Präsenz und eine klare Sprache über die Dinge, die jene verstehen, die keine Wohnung haben. Hier geht es um Essen, Duschen, Schlafen. Um einen Ort zum Aufwärmen. Um ein Gespräch über Gott und die Welt und nicht um Peanuts. Grazie.“
Zu dieser Welt, über die es sich zu sprechen lohnt, gehören nicht nur Banken und Bordelle, sondern auch Waffen. Pistolen etwa, die ihren Besitzern Stärke verleihen. Respekt und Durchsetzungskraft. Selbstvertrauen. Waffen, mit denen es vielleicht gelingen könnte, sein Recht zu fordern und sich aus der aktuellen misslichen Lage zu befreien. Eine Vitrine mit sieben sorgfältig geschnitzten Handfeuerwaffen in dieser Kirche, in der man sich um die Gescheiterten kümmert, erscheint auf einmal nicht mehr nur absurd. Auch dem hölzernen Abbild eines luxuriösen Faberge-Eies wächst durch den spezifischen Kontext eine kritische Bedeutung zu. Nicht zuletzt weil all dies während der letzten Woche der Passionszeit zur Schau gestellt wird. Selbst wenn die Bedeutung dieser stillen Trauerwoche vor Ostern, der Karwoche, vielen nicht mehr präsent ist, spüren die meisten wohl dennoch etwas von ihrer ursprünglichen Sonderstellung im Jahr. Die Woche beginnt mit dem Gedächtnis des Einzugs Jesu in Jerusalem am Palmsonntag und erreicht ihren Höhepunkt im Triduum Sacrum: nach dem Gründonnerstag, an dem die Einsetzung der Eucharistie bzw. des Abendmahl gefeiert wird, und dem Gedächtnis des Leidens und Sterbens Jesu am Karfreitag folgt Ende des Karsamstag die Feier der Osternacht.
All das spielte für Peter Sauerer eine Rolle, als er das Angebot bekam, eine Ausstellung für diesen speziellen Ort zu konzipieren. Und da sich Peter Sauerer als Künstler nichts verbietet und sich all jene Dinge gründlich vornimmt, denen es gelingt, seine Aufmerksamkeit zu binden, kreuzen und ergänzen sich mit der Präsentation von Kunst im Kirchenraum sehr spannungsvoll ganz unterschiedliche Anliegen und Interessen. Dabei tut Peter Sauerer eigentlich nur das, was er immer macht. Er folgt stets jenen Impulsen, die ihn erreichen. Ob sie nun von einer barocken Madonna ausgehen, oder von einem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen, von einem Panzerkreuzer aus dem Zweiten Weltkrieg oder einer gotische Kathedrale in Frankreich, von einem griechische Tempel auf Sizilien, von Kommissar Stephan Derrick (Horst Tappert) oder Papst Benedetto, von Leni Riefenstahl auf dem Reichsparteitag in Nürnberg 1934 oder von einem Gemüsebeet in Walleshausen. Er betrachtet all diese Anstöße skeptisch und genau, klärt historische Zusammenhänge und schnitzt - sofern die Objekte, Bilder und Themen einer längeren Beschäftigung standhalten - spezielle, sorgsam ausgewählte Vertreter einer Gattung liebevoll nach, bemalt und zerlegt sie sodann, um sie im letzten Schritt der Bearbeitung mit Schnüren wieder zusammen zu nähen. Kurz: Es ist eine übergreifende ästhetische Qualität, die die zunächst so heterogen wirkenden Themen und Motive miteinander verbindet, es sind die überraschenden Konstellationen, die sich immer wieder von neuem bei der Präsentation der Werke ergeben. Es geht nicht um Quantitäten, es geht nur um Gestalten und Formen und nicht zuletzt um Relationen. So verstanden ist die Kunst Peter Sauerers der Fehler im System, der auf das fehlerhafte System aufmerksam macht.
Andreas Bee
24.04.2010
Elfte NACHT DER MUSEEN in Frankfurt und Offenbach
Startschuss für die elfte NACHT DER MUSEEN.
Kulturdezernent Professor Dr. Felix Semmelroth freut sich auf die alljährliche Auftakt-Veranstaltung zum Kulturfrühling: "Die Nacht der Museen ist ein fester Termin im Frankfurter Kulturkalender. Museumsgänger, aber auch viele Besucher, die zum ersten Mal kommen, nutzen die Gelegenheit, die besondere kommunikative Atmosphäre und das eigens für diese Nacht zusammengestellte Kulturprogramm in den Museen zu genießen." "Damit es spannend bleibt, gibt es jedes Jahr Variationen, auch bei den Teilnehmern", erklärt der Kulturdezernent weiter. So sind in diesem Jahr erstmals das Bahnhofsviertel mit dem Atelierfrankfurt und seinen zahlreichen Galerien und Kultureinrichtungen dabei. So kann man etwa in der Diakoniekirche DON'T TAKE YOUR GUNS TO TWON von Peter Sauerer sehen und zum Poetry Slam gehen - ein Vorgeschmack auf das Festival literaTurm, das Ende Mai in Frankfurt stattfinden wird.
02.04.2010 10:00h
Diakoniegottesdienst mit Abendmahl
SCHWEIGE NICHT ZU MEINEN TRÄNEN
Diakoniepfarrer Dr. Michael Frase
Michael Berg, Orgel
01.04.2010 20:00 bis 22:00h
Nachtmahl
EINER UNTER EUCH WIRD MICH VERRATEN
Brot und Wein an einem Tisch
Gerald Hintze, Lesung
30.03.2010 19:00h
Filmabend:
IL VANGELO SECONDO MATTEO / DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS
136’, s/w, Italien 1964. Regie: Pier Paolo Pasolini. Buch: Pier Paolo Pasolini nach dem Matthäus-Evangelium. Musik: Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Sergej Prokofjew, Anton Webern, Luis Enriquez Bacalov. Mit E. Irazoqui, S. Pasolini, G. Agamben u.v.a.
Pier Paolo Pasolinis Verfilmung war der erste Versuch, die Lebensgeschichte Jesu in einer realistischen Form zu verfilmen. Er schuf damit ein Gegengewicht zu den pompösen Hollywood-Epen, die an den religiös menschlichen Aspekten des Neuen Testaments herzlich wenig interessiert waren und die biblische Vorlage als Geschichte für eine farbenfrohe Show missbrauchten. Pasolini wählte als Kulisse seines Films die karge Landschaft Süditaliens mit ihren ärmlichen Feldern und halbverfallenen Dörfern. Auch einen Großteil der dort ansässigen Bevölkerung bezog er in die Aufnahmen mit ein. Für die Rolle der Maria verpflichtete Pasolini seine eigene Mutter Susanna. Pasolinis Werk gewann auf den Filmfestspielen von Venedig 1964 den Preis der Jury.
26.03.2010 12:00h
Mittagsgebet
… UND SAH UNSER ELEND, UNSERE ANGST UND NOT
Paul Hindemith (1895-1963) aus der 2. Orgelsonate der 2. Satz: "Ruhig bewegt" (1937)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie
19.03.2010 12:00h
Mittagsgebet
VERGELTET NICHT BÖSES MIT BÖSEM, SONDERN SEGNET VIELMEHR
Léon Boëllmann (1862-97): aus der Suite gothique: "Prière à Notre Dame" in As-Dur (ED: 1895)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie
12.03.2010 12:00h
Mittagsgebet
WER BIST DU DENN, DASS DU DICH VOR MENSCHEN GEFÜRCHTET HAST
Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901): aus der 11. Orgelsonate d-moll op. 148: "Cantilene" (komp. am 11. IV. 1887)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie
05.03.2010 12:00h
Mittagsgebet
LEGT VON EUCH AB DEN ALTEN MENSCHEN MIT SEINEM FRÜHEREN WANDEL
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-47): Präludium c-moll: "Andante" (komp. 1841)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie
























