Weißfrauen Diakoniekirche Frankfurt > Programm.

24.12.2010

Lange Nacht am Heiligen Abend im Frankfurter Bahnhofsviertel

Weißfrauen Diakoniekirche

Zum sechsten Mal lädt die Diakonie Frankfurt am Main zu einer „Langen Nacht am Heiligen Abend“ ins Bahnhofsviertel ein. Am Freitag, dem 24. Dezember 2010, öffnet sich um 18 Uhr die Tür der Weißfrauen Diakoniekirche, Weser- / Ecke Gutleutstraße und wird erst am ersten Weihnachtstag um 10 Uhr wieder geschlossen. Eingeladen sind alle, die am Heiligen Abend ins Bahnhofsviertel kommen möchten. Ein Weihnachtsgottesdienst mit Diakoniepfarrer Dr. Michael Frase beginnt um 19 Uhr.
Mitwirken werden der Frankfurter Schauspieler Matthias Scheuring, der Sankt Petersburger Trompeter Michail Klimaschewskij sowie Michael Berg an der Orgel. Im ganzen Kirchenraum sind Arbeiten von Frankfurter Künstlerinnen und Künstlern zu sehen: ein Krippenpanorama von Manfred Stumpf, Engel und Hirten von Eva Schwab, eine große Krippe von Phillip Zaiser, der Frankfurter Stern von Jens Lehmann, Ochs und Esel von Florian Haas, die drei Gaben „Gold, Weihrauch, Myrrhe“ von Tamara Grcic – und in diesem Jahr kommen die Schafe von Günter Zehetner hinzu . Ab 21 Uhr sind alle Gäste der Diakoniekirche zu einem Weihnachtsessen an langen Tafeln eingeladen. Wie in jedem Jahr engagieren sich dabei zwei Restaurants und viele ehrenamtliche Gastgeberinnen und Gastgeber. An der Krippe treffen sich ab 22.30 Uhr Musiker von der Straße zu einer Nachtmusik. Nach dem Nachtgebet um 0.00 Uhr mit Gerald Hintze wird gegen 0.30 Uhr Amanda Wittibschläger ihren Nachtblues singen. Auch in dieser Nacht besteht die Möglichkeit, in der Kirche zu schlafen; Tee und Weihnachtsgebäck werden an einer kleinen Bar von ehrenamtlichen Gastgebern die ganze Nacht über gereicht. Um 7 Uhr begrüßt ein Morgengebet den Weihnachtstag. Mit einem Frühstück ab 8.30 Uhr klingt diese Heilige Nacht im Bahnhofsviertel aus.



Predigt von Diakoniepfarrer Dr. Michael Frase am Heiligen Abend in der Weißfrauen Diakoniekirche im Jahr 2010

Gnade und Friede sei mit euch von unserem Vater und von unserem Herrn Jesus Christus!


Liebe Gemeinde,

Sie sehen heute neu in dieser Kirche Schafe, die sich durch eine Projektion als Altarbild bewegen. Sie sind eine Ergänzung unseres Krippen-Ensembles, das jährlich jedes Jahr um ein Kunstwerk eines anderen Künstlers oder einer Künstlerin bereichert wird. Zu den gängigen Vorstellungen der Krippe gehören selbstverständlich die Schafe dazu, spielen doch auch die Hirten in der Weihnachtsgeschichte eine bedeutende Rolle.

Der historischen Kern dieser Weihnachtserzählung lässt sich im Kontext der Hirten und ihrer Herden in den Feldern vor Bethlehem gut nachvollziehen. Noch heute werden dort, wo man diese Situation auch in der Antike zu verorten weiß, den Touristen bei ihrem Besuch von Bethlehem diese Felder gezeigt. Ein Tal erstreckt sich zwischen dem alten Bethlehem und den heute heranwachsenden Vororten der großen Stadt Jerusalem. Die Hirtenfelder sind eine im Hochland um Bethlehem herum angesiedelte karge Weidefläche. Das karstige Gelände ist durchbrochen. Es lassen sich Höhlen finden, die als Ställe und Unterstände genutzt werden.

In der Geburtskirche zu Bethlehem selbst kann man eine unterirdische Grotte unter dem Chor der Kirche besichtigen. Dieser Ort wird seit Jahrhunderten in der Tradition der Christenheit als Geburtsstätte Christi verehrt.

Auch wenn diese Stätten bereits seit der ausgehenden Antike durch Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, definiert und festgelegt wurden, so ist von einer Historizität dieses Ortes nicht auszugehen. Die Tradition allerdings verehrt an diesen Plätzen die Geburtsstätte des Gottessohnes.

Diese durchziehenden Wanderherden, die seit der Antike immer unterwegs waren, wurden in der Regel von Hirten versorgt, die dafür von den Besitzern der Tiere einen meist sehr kargen Lohn bekamen. Oft waren sie wochenlang unterwegs, lebten draußen mit ihren Herden und konnten nur selten zu ihren Familien in ihre Dörfer heimkehren.

Die Besitzer der Hirten waren reichere Bauern, die sich selbst diesem harten Leben nicht aussetzen mussten. Hirten waren also auf der einen Seite die Verantwortlichen für die großen Herden, andererseits aber selbst nur Lohnknechte der Besitzer.

Die Hirtenfelder von Bethlehem vermitteln auch heute noch etwas Authentisches. Man kann sich zurückversetzen in die Situation um Christi Geburt, jener unruhigen Zeit, in denen die Römische Besatzungsmacht versuchte, die öffentliche Ordnung mit ihrem Militärapparat durch Unterdrückung aufrecht zu erhalten und die Selbstbestimmung des Volkes Israel zu verhindern.

Wenn in der Weihnachtsgeschichte von den Hirten und ihren Herden die Rede ist, hat sich heute für viele von uns durch Legenden, Erzählungen und Krippenspiele ein recht idyllisches Bild für die Situation eingeprägt, so spiegelt sich (sicherlich beabsichtigt) die Einheit von Mensch und Natur, die gesamte Schöpfung Gottes, an der Krippe wider. Die im Lukasevangelium überlieferte Geburtssituation im Stall hat diesen Kontext von Armut und Obdachlosigkeit von Anfang an mit im Blick.

Die ersten, die den geborenen Gottessohn sehen, erkennen und verehren, sind jene an der Armutsgrenze lebenden Menschen, die Nachtwache bei den Herden auf den Feldern halten. Dies ist für Lukas eine konzeptionelle Aussage, kein journalistischer Bericht.

Die Bibel ist reich an Vergleichen und Bildern, die die Beziehung zwischen Gott und den Menschen immer wieder auch mit Alltagssituationen von Hirten und Schafen in Zusammenhang bringt. Eine der frühesten christlichen Darstellungen des Christus ist die des Guten Hirten. Fließend sind hier die gestalterischen Übergänge von der heidnischen, antiken Plastik hin zu einer christlichen Ikonografie des Christus als guter Hirte.

Die Belege in der Bibel, in denen sich Gott oder sein Gesandter oder sein Sohn mit dem Bild des Guten Hirten vergleichend den Menschen erklärt, sind zahlreich. Der vielleicht bekannteste Psalm des Alten Testamentes, der früher fast allen Menschen geläufig war und als ein besonderer Psalm für die Stärkung in schwierigen Situationen gilt, handelt von diesem guten Hirten. Psalm 23 beginnt „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ (Psalm 23,1 u. 2)

Die geführte Herde, die sich auf den Hirten verlassend in guten Händen weiß, dass dieser für die Herde sorgt und wie im Psalm beschrieben zu grünen Auen und frischem Wasser führt, ist ein Bild der Gottesführung der Menschheit durch die Zeit und durch die verschiedenen Lebenslagen.

Wenn wir hier also auf den Bildern weidende Schafe sehen und der Film so angelegt ist, dass er diese Schafe aus der Perspektive des Hirten zeigt, dann ist im Grund genommen in diesen Bildern, die hier vor uns ablaufen, die Perspektive Gottes gemeint. So, wie der Hirte das Umfeld seiner Herde überwacht und analysiert, um den Weg zu finden, der die besten Aussichten für seine Herde hat, so steht Gott perspektivisch auch der Entwicklung der Menschen in ihren Lebensbezügen vor.

Der kurze, 4 Minuten dauernde Film, der während des Gottesdienstes hier vorne am Altar – gleich einem Parament – sich immer aufs neue wiederholt, wurde vom Künstler Günter Zehetner extra für diesen Gottesdienst vor einigen Tagen aktuell gedreht. Die Schneelandschaft, in der sich die Schafe bewegen, zeigt den Winter des Jahres 2010 mit seinem frühen Schnee.

Die Kameraperspektive ändert sich nur behutsam. Sie gibt aber immer die Sichtweise des Hirten wider. Vermittelt den Überblick über die Gesamtsituation und wechselt dann auf Augenhöhe der Schafe oder verharrt bei der Ansicht des Bodens.

Es handelt sich also um drei Perspektiven, die typisch für den Hirten und seine Herde sind und die sich leicht auf die Weihnachtsgeschichte und damit auf das Verhältnis Gottes zu den Menschen übertragen lassen.

Denn von diesen drei Perspektiven haben die Schafe und der Hirte zwei gemeinsam. Es ist die Ebene der Schafe, die ihre Kommunikation untereinander und mit dem Hirten wechselseitig wahrnehmen können. Die Schafe können ihre aktuelle Lebenslage selbst einschätzen und regeln. Sie haben ihren allerdings begrenzten Überblick über diese Lebenslage. In dieser Weise kommunizieren auch wir Menschen, planen und gestalten. Es ist der Kontext der Weihnachtsgeschichte, wie wir sie gerade wieder gehört haben: Die Reise nach Bethlehem, die Geburt im Stall, die Begegnung der Hirten und ihren Schafen mit dem Jesus-Kind in der Krippe.

Die zweite Ebene ist die des Bodens oder der Lebensgrundlagen. Schafe wie Menschen sind Experten in der Klärung der jeweiligen Lebensbedingungen. Wie die Schafe wissen, welche Gräser am besten schmecken, weiß der Mensch genau, welche Ressourcen er zu einer erfolgreichen und angenehmen Lebensführung braucht.

Aber auch der Hirte kennt die Voraussetzungen, damit seine Herde gedeihen kann. Er überlässt es nicht allein den Tieren, sich schmackhaftes Futter zu suchen, sondern führt die Herde zu den Weidegründen. Gleiches gilt für die Menschen: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser“. In diesem Hirtenbild begegnet uns Gott als Schöpfer, der das Lebensumfeld gestaltet, damit Leben gelingen kann.

Die dritte Perspektive ist allein dem Hirten vorbehalten. Die Schafe wissen noch nicht einmal, dass es diese Perspektive überhaupt gibt. Sie verstehen nicht, dass eine tagelange Wanderung dem Ziel dient, neue und unverbrauchte Weidegründe zu erreichen, die allein der Hirte kennt.

Auch wir Menschen verstehen uns nicht auf diese dritte Dimension. Viele lehnen sogar konsequent diese Perspektive ab, während der Glaube an diese dritte Sichtweise davon ausgeht, dass es ein „Woher wir kommen“ und ein „Wohin wir gehen“, gibt, das wir nur erahnen oder glauben können. Denn diese Dimension ist allein dem Hirten bzw. Gott vorbehalten.

In der biblischen Verkündigung dringt allerdings diese dritte Dimension immer wieder in das Leben der Menschen ein. Darin unterscheidet sich der Mensch vom Schaf. Er ist intellektuell dazu in der Lage, die Botschaft von dieser dritten Perspektive im Leben zu hören. Theologisch formuliert: Es ist die Offenbarung des Wortes Gottes in der Welt.

In der Weihnachtsgeschichte nach Lukas verdichtet sich diese dritte Dimension in der Verkündigung des Engels an die Hirten auf dem Felde und mündet ein in den Gesang der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“. (Lukas 2,14)

So bekommen wir Menschen eine Ahnung davon, was dieser Gottesfrieden uns verheißt.

Diese drei Perspektiven oder Dimensionen des Lebens lassen sich anschaulich in den Bildern der Herde und des Hirten beschreiben. An Weihnachten ereignet sich etwas Ungewöhnliches und erreicht seinen Höhepunkt im Ostergeschehen.

Um im Bilde der Herde zu bleiben: der Hirte selbst begibt sich nicht nur auf die Ebene der Schafe, sondern wird selbst Teil der Herde, um das Leben der Herde mit zu vollziehen. Und für uns gesagt: Gott wird Mensch. Oder wie es der Engel verkündet: „Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids!“ (Lukas 2,10)

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


Sie bitten in die Diakoniekirche

An Weihnachten für andere Menschen da zu sein, für Victor Starr gibt es nichts Schöneres. In der Diakoniekirche gestaltet er deshalb heute den Heiligabend für Obdachlose mit.
Eine bessere Art, Weihnachten zu verbringen, könnte sich Victor Starr nicht vorstellen. «Es gibt nichts Schöneres, als an diesem besonderen Festtag für andere Menschen da zu sein», sagt der Fluglotse, den es vor fast zwei Jahren von New York nach Frankfurt verschlug. Schon im vergangen Jahr half er in der Diakoniekirche in der Weserstraße 5 beim Organisieren der «Langen Nacht am heiligen Abend». Zu der sind alle Menschen eingeladen, die den Heiligen Abend alleine oder ohne feste Bleibe verbringen. Noch stecken er und Koordinator Gerald Hintze mitten in den Vorbereitungen. Bis heute Abend alles festlich geschmückt ist, haben sie und die anderen Helfer noch viel zu tun.

Schon in New York engagierte sich Starr für Menschen, die weniger haben als andere. «Vor fünf Jahren begann ich, Obdachlose an Weihnachten zu betreuen.» Als seine drei Söhne – heute sind sie zwischen 18 und 21 Jahre alt – von Jahr zu Jahr mehr in Wettbewerb standen, wer das teuerste Weihnachtsgeschenk bekam, dachte er: An ihrer Einstellung muss sich etwas ändern. «Die Botschaft des Weihnachtsfestes ging immer mehr verloren. Sie wollten immer größere Geschenke, MP3- und CD-Spieler, waren eifersüchtig aufeinander.»
Irgendwann sprach Starr darüber mit einer Freundin beim Kaffeetrinken. «Sie meinte: Bring sie doch an Weihnachten mit in die Kirche. Dort können sie bedürftigen helfen.» Gesagt, getan: Beim nächsten Weihnachtsfest war die Familie in der südlichen Bronx, einem der ärmeren Viertel der riesigen Stadt.
«Nach ersten Berührungsängsten hatten meine Söhne Spaß daran, zu helfen. Sie fingen an, sich mit den Obdachlosen zu unterhalten», erinnert sich Starr. Nach zwei Jahren allerdings ließ ihr Engagement nach. «Ich jedoch fuhr weiterhin an Weihnachten mit gesammelten Lebensmitteln in arme Wohnviertel und verteilten sie an Bedürftige.»

Als Starr 2009 als Ausbilder für Fluglotsen nach Frankfurt kam, wollte er sich auch hier um Obdachlose kümmern. «Irgendwann lernte ich Gerald Hintze kennen. Er ist ein toller Mensch, setzt sich sehr für Obdachlose und andere Menschen ein.» Seitdem hilft Starr bei der «Langen Nacht am Heiligen Abend».
«Ich begann, Kleidung zu sammeln. Schnell stieß ich damit bei Kollegen und anderen Menschen auf großes Interesse», betont Starr. In diesem Jahr habe die Zahl der Spenden sogar zugenommen. «Wenn ich zur Arbeit komme, liegen täglich mehrere Wintermäntel, Schals oder andere Dinge auf meinem Schreibtisch. Selbst Nachbarn stellten mir einfach Kisten mit Kleidungsstücken vor die Tür.»

Auf seiner Facebook-Seite sammelt Starr ebenfalls Spenden für den heiligen Abend in der Diakoniekirche. «Über das Internet habe ich Kontakt zu vielen Leuten bekommen, die mithelfen.» Vor allem bei seinen Kollegen von der Flugsicherung bedankt er sich für die große Unterstützung. «Sie helfen, wo sie nur können, packen beim Aufbau mit an, geben Essen und Kaffee aus, spielen mit den Besuchern Karten und unterhalten sich mit ihnen.» In diesem Jahr seien 20 Helfer in mehreren Schichten im Einsatz.

«Sogar Soldaten der US Armee in Wiesbaden unterstützen uns. Eine Pfadfindergruppe hat auf dem Stützpunkt Spielzeug gesammelt, das ich nach Weihnachten dort abhole und der Diakonie zur Verfügung stelle.» In der Kleiderkammer der Weserstraße 5 sei kein Platz mehr. «Viele Kisten lagern in meiner Wohnung. Ich bringe sie nach und nach ins Bahnhofsviertel.»
Bereits zum sechsten Mal findet die «Lange Nacht am Heiligen Abend» in der Weißfrauen Diakoniekirche statt, sagt Hintze. «Eingeladen sind alle, die am Heiligen Abend ins Bahnhofsviertel kommen möchten.»
Die Türen der Kirche öffnen um 18 Uhr. Um 19 Uhr beginnt der Gottesdienst. Ab 21 Uhr wird das Abendessen serviert. Den Kirchenraum haben Frankfurter Künstler weihnachtlich gestaltet. Um 22.30 Uhr spielen Straßenmusiker zu einer Nachtmusik auf. Nach dem Nachtgebet stimmt Amanda Wittigschläger einen Nachtblues an. Wer möchte, kann die Nacht in der Kirche verbringen. Am ersten Weihnachtsfeiertag wird ab 8.30 Uhr Frühstück serviert.

[Frankfurter Neue Presse, 24. Dezember 2010, (hau)]



17.12.2010

RUHE

Mittagsgebet mit Orgelstück

Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebenten Tage sollst du ruhen. 2. Mose 34,21

Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. Hebräer 4,10

Jehan-Ariste Alain (1911–1940): "Le Jardin Suspendu" (JA 71), Kompon. Okt. 1934

Gerald Hintze, Liturgie / Michael Berg, Orgel

anschließend Samowarbar



12.12.2010

Weihnachtliches aus aller Welt

Vielharmonie Sachsenhausen

Die Vielharmonie Sachsenhausen präsentiert dieses Jahr ein internationales Programm. Hier klingen Weihnachtslieder verschiedener Regionen der Welt, die zeigen, wie unterschiedlich Weihnachten musikalisch sein kann. Neben feurigen lateinamerikanischen und spanischen Stücken gesellen sich traditionelle deutsche Weihnachtslieder in zum Teil neuem Gewande, nordisch sanftes Licht und lebensfrohe Gospel.

Das Konzert ist ein Benefizkonzert zugunsten von PLAN international.



10.12.2010

BROT

Mittagsgebet mit Orgelstück

Armut und Reichtum gib mir nicht; lass mich aber mein Teil Speise dahinnehmen, das du mir beschieden hast. Sprüche 30,8

Die Jünger gaben dem Volk die Brote. Und sie aßen alle und wurden satt. Matthäus 14,19-20

Joh. Seb. Bach (1685–1750) wahrscheinlich nicht, sondern Joh. David Heinichen (1683–1729): "Kleines Harmonisches Labyrinth"

Gerald Hintze, Liturgie / Michael Berg, Orgel

anschließend Samowarbar



03.12.2010

GEBOT

Mittagsgebet mit Orgelstück

Wenn ich auch nicht so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch beachtet wie eine fremde Lehre. Hosea 8,12

Jesus spricht: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Matthäus 7,21

Samuel Scheidt (1587–1654): Aus der Tabulatura Nova, III. Teil (Ed: 1624): Nr. 19: »Modus Ludendi Pleno Organo Pedaliter«

Gerald Hintze, Liturgie / Michael Berg, Orgel

anschließend Samowarbar


Der besondere Adventskranz in der Diakoniekirche

Der Adventskranz wurde von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) eingeführt. Der Hamburger evangelisch-lutherische Theologe und Erzieher nahm sich einiger Kinder an, die in großer Armut lebten. Er zog mit ihnen in das Rauhe Haus, ein altes Bauernhaus, und betreute sie dort. Da die Kinder während der Adventszeit immer fragten, wann denn endlich Weihnachten sei, baute er 1839 aus einem alten Wagenrad einen Holzkranz mit 19 kleinen roten und 4 großen weißen Kerzen. Jeden Tag der Adventszeit wurde nun eine weitere kleine Kerze angezündet, an den Adventssonntagen eine große Kerze mehr, so dass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten. Aus dieser Idee entwickelte sich der Adventskranz mit vier Kerzen, wobei an jedem Adventssonntag eine mehr angezündet wird. Seit 1860 wird der Kranz mit Tannengrün geschmückt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts gehört er zum deutschen Adventsbrauchtum.



27.11.2010

Brunch

Das Le Meridien Parkhotel lädt zum Frühstück von 11 bis 13 Uhr ein.

Einmal ein Festmahl genießen und in feierlicher Atmosphäre von einem Fünf-Sterne- Hotel bewirtet werden: Für die meisten Besucher von WESER5 bleibt dies ein unerfüllbarer Traum – normalerweise. Denn das Parkhotel Le Meridien lädt nun schon zum dritten Mal in die Weißfrauen Diakoniekirche ein und bringt dort Nichtbesitzende und Besitzende aus dem Bahnhofsviertel an einen Tisch. Der Brunch für ca. 80 Gäste soll kurz vor der Adventszeit zugleich auf das Weihnachtsangebot der Weißfrauen Diakoniekirche mit einer langen Nacht am Heiligabend einstimmen.
«Wir veranstalten den Brunch am 27. November als unseren Community Day und sehen hierin eine geeignete Möglichkeit für direkte Hilfe in unserer Nachbarschaft», erklärt Jan Willem Roenhorst, Residence-Manager des Le Meridien in Frankfurt. «Es soll ein schöner Tag werden für Menschen, die sonst im Leben nicht so erfolgreich sind. Dafür setzt unser Team gerne seine Freizeit ein», fügt Personalchefin Daniela Wiezoreck hinzu. Die Idee entstand im gegenseitigen nachbarschaftlichen Kontakt zur Weißfrauen Diakoniekirche. Das Parkhotel gehört zum Netzwerk und ist als das älteste Hotel im Bahnhofsviertel auch zugleich das erste Haus am Platz. Um die Kommunikation zu stärken und unterschiedliche Menschen aus dem Quartier zusammenzubringen, werden wieder Firmen, Agenturen und Handwerksbetriebe aus den benachbarten Straßen ebenfalls eingeladen.



23.11.2010

Brot und Licht

Mittagsgebet mit Orgelstück

DU BIST DAS BROT, DAS DEN HUNGER STILLT; DAS LICHT, DAS IM DUNKEL LEUCHTET; die Tür, die Müden Heimat verheißt; das Leben, das den Schmerz und die Angst überwindet. Gib dich in unsere Leben, unseren Reichtum und unsere Armut, damit wir die Fülle deiner Güte empfangen.

Charles-Marie Widor (1844–1937): aus ser Symphonie Pour Orgue
Nr. 1 c-moll (Ed: 1872): 6. Satz: »Méditation« in es-moll

Gerald Hintze, Liturgie / Michael Berg, Orgel

anschließend Samowarbar



14.11.2010

Die Lieb', die Schöne

Vesperkonzert

Das Hohelied und andere Liebesbeweise in der Heiligen Schrift

Gesangsensemble Cantorianer



Steh’ auf, Nordwind,
und komm’, Südwind,
und wehe durch meinen Garten,
dass seine Würzen triefen!
Mein Freund komme in seinen Garten
und esse von seinen edlen Früchten.
Hohelied 4:16

Das in Chemnitz beheimatete Gesangsensemble Cantorianer widmet sich in diesem Jahr ganz der Liebe, genauer gesagt dem Hohelied der Liebe, einem Briefwechsel zwischen König Salomo und seiner Geliebten Sulamit. Besonders seit der Zeit der Aufklärung spielten die Vertonungen mit der Mehrdeutigkeit des Textes. Die Form der Motette lehnt sich an die geistliche Herkunft des Textes, die stilistischen Mittel bebildern und schmücken die gefühlvollen Passagen mit der Phantasie weltlicher Werke aus.

So schickt der Chor in Melchior Francks (1580-1639) Vertonung den Nordwind mit fester Stimme davon und ruft den Südwind ebenso einstimmig herbei. Im Kontrast dazu brausen die Stimmen bei "und wehe durch meinen Garten" mit versetzten Einsätzen und schnellen Melodieläufen durch den Chorsatz. Neben Francks Motetten erklingen auch ein Zyklus seines Zeitgenossen Leonard Lechner (1553-1606) sowie eine Vertonung von Guillaume Du Fay (1397-1474).

Einen inhaltlichen Kontrast bilden zwei Motetten aus der Sammlung "Israelis Brünnlein" des Thomaskantors Johann Hermann Schein (1586-1630), die im zweiten Teil des Programms erklingen. Obwohl deren Texte vermutlich vom Autor des Hohelieds (König Salomo) stammen, stellen sie nicht die lustvolle Liebe, sondern die Moral in den Vordergrund:

Lieblich und schöne sein ist nichts!
Ein Weib, das den Herren fürchtet,
das soll man loben.
Sprüche 31:30

Der Fantasie des Komponisten tat das keinen Abbruch: Zu Beginn verführen die sehnsuchtsvoll auskomponierten Frauenstimmen den Hörer geradezu, bevor der Chor im Tutti ein machtvolles "...ist nichts!" entgegensetzt.

Den Schlusspunkt bildet dann die sechsstimmige Motette "Also hat Gott die Welt geliebt" von Hieronymus Praetorius (1560-1629), die nicht die menschliche, sondern die Göttliche Liebe zum Thema hat.

Das Gesangsensemble Cantorianer arbeitet für dieses Projekt mit dem Berliner Lautenisten Franck Pschichholz zusammen.



01.11.2010

Turmsanierung als innovatives Pilotprojekt

Arbeiten an der Weißfrauen Diakoniekirche treten in die zweite Bauphase ein/ Ursprüngliches Erscheinungsbild soll durch neuartiges Betonierverfahren widergegeben werden

Im Zuge der Sanierung des Turmes der Weißfrauen Diakoniekirche hat die zweite Baustufe begonnen, die mit einem innovativen Pilotprojekt im Bereich Betoninstandsetzung verbunden ist. Die erste Instandsetzungsstufe, die der Wiederherstellung der vollen statischen Funktion der Baukonstruktion diente, steht kurz vor dem Abschluss. Ziel der Sanierung ist, eine der ursprünglichen Qualität der geschalten Betonoberfläche entsprechende Oberflächenstruktur und –farbe herzustellen und dadurch, wie Architekt Peter Sichau erklärt, eine „exakte Wiedergabe des originalen Erscheinungsbildes“ zu erreichen. Ein wesentlicher Anspruch an das nachfolgende Sanierungskonzept ist die Verbindung zwischen Instandsetzung nach geltendem Regelwerk und der Erzielung der vorstehend umrissenen gestalterischen Qualität des Denkmals. Vor Beginn der Sanierungsarbeiten im Frühjahr 2010 zeigten die Betonaußenflächen eine deutliche bis starke Verwitterung. Vorhanden waren Zeichen ursprünglicher Betonmängel wie Betonnester, Entmischungen und Verdichtungsunregelmäßigkeiten, die Ausgangspunkt für das Entstehen und das Fortschreiten der üblichen Betonschädigungsmechanismen waren.

Die technische Lösung für die zweite Instandsetzungsstufe stellt nun einen innovativen Ansatz im Bereich der Betoninstandsetzung dar. Grundlage ist der gestalterische Anspruch und die Idee des Architekten, die ursprüngliche Oberflächenqualität durch Angießen einer Beton- oder Mörtelschale wieder herzustellen. So ist vorgesehen, die äußere Schale der von außen sichtbaren Betonflächen mit einem angegossenen, selbstverdichtenden Mörtel herzustellen. Die konkrete technische Lösung wurde vom Tragwerksplaner erarbeitet und daraus als Aufgabenstellung Vorgaben für die Anforderungen an den Vergussmörtel abgeleitet. Durch die Firma Dynapox wurden mehrere Mörtelrezepturen ausgearbeitet und das F.A Finger-Institut der Bauhausuniversität als Kooperationspartner für die Prüfung der Frisch und Festmörteleigenschaften hinzugezogen. Die jetzt entwickelte Mörtelrezeptur ist das Ergebnis der Weiterentwicklung dieser Mörtelrezepturen im Rahmen des Forschungsvorhabens „innoprofile nubau“ des F.A. Finger-Institutes der Bauhausuniversität Weimar. So wurden mehrere Musterversuche an der Baustelle durchgeführt. Dabei wurde das Materialverhalten unter Baustellenbedingungen, die Einfüll – und Schalungstechnologie erprobt. Letztere wird nun den gestalterischen Anforderungen entsprechend verbessert, ebenso werden Schalung, Eckausbildung und Schalungsfuge modifiziert. Werden die Instandsetzungsziele erreicht, so kann eine Restnutzungsdauer von 30 Jahren ohne weitere grundhafte Instandsetzungen erreicht werden. Abgeschlossen sind die Sanierungsarbeiten voraussichtlich im Mai 2011.

Gemeinsam finanziert wird die Turmsanierung durch den Evangelischen Regionalverband, die Stadt Frankfurt am Main sowie das Land Hessen. Mit 16.000 Euro gefördert wird sie zudem von der Charlotte Böhme-Roth-Stiftung. Der Kostenrahmen von 600.000 € indes kann voraussichtlich nicht eingehalten werden, da das wiederholte Anfertigen von Musterflächen für das Pilotprojekt zu Terminverzögerungen geführt hat. Unter anderem durch längere Gerüstvorhaltung und weitere Sekundärkosten entsteht so eine Kostenerhöhung von voraussichtlich zehn Prozent. Aufgrund der hohen Relevanz, die das Pilotprojekt auch für andere Sanierungsmaßnahmen haben kann, hat das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, welches die Baumaßnahme auch fachlich begleitet, eine weitere finanzielle Förderung in entsprechender Höhe in Aussicht gestellt.

Die Turmsanierung ist ein wichtiges Element in einem Gesamtkonzept, deren vorrangiges Ziel es ist, durch Rückbau der neuzeitlichen Überformungen den ursprüngliche Charakter der Gesamtanlage der Weißfrauenkirche wieder erlebbar und sie so zu einem öffentlichen Raum von hoher Qualität zu machen. Bezüglich des Kirchturms, der einen besonderen Merkpunkt im Stadtgefüge bildet, setzt das Konzept ebenfalls auf Öffnung. In verschiedenen Abstimmungsgesprächen mit den Nutzern, Diakonie, Stadtplanung und Landesamt für Denkmalpflege Hessen wurde vereinbart, die abgängigen Maßwerksfüllungen nicht zu rekonstruieren, sondern in dieser besonderen städtebaulichen Situation eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Ort zu wagen und so dem öffentlich-kulturellen Charakter der heutigen Weißfrauenkirche zu entsprechen. Hierzu sollen die Maßwerköffnungen des Turms von einem Künstler gestaltet werden, wobei alle Geschosse in den Straßenraum hinein sichtbar und begehbar werden. Durch die Einblicke soll der Turm einerseits auf die heutige Nutzung als Zentrum für wohnsitzlose Menschen und andererseits auf den öffentlich zugänglichen und bereits verwirklichten Kultur- und Kunstraum in der Kirche hinweisen. Bei Ausstellungen und Veranstaltungen kann man ihn über die vorhandene Wendeltreppe besteigen und einen Blick auf das Frankfurter Bahnhofs- und Bankenviertel erleben. Ebenso können Passanten, die den Turm auf Platzebene unterqueren, von unten hineinschauen. Ein wichtiger erster Schritt war der Umbau des WESER5 Tagestreffs für Wohnsitzlose im Jahr 2008: Unter Beibehaltung der ursprünglichen Raumidee entstand ein den Nutzungsanforderungen angemessenes „All in One-Konzept“. Sämtliche Funktions- und Nebenräume wurden entkernt und neu gestaltet. Neben den Räumen für die Betreuer und der Kleiderkammer wurden der Sanitärtrakt und die Küche neu konzipiert. Nun soll der Prozess einer kommunikativen Öffnung konsequent weiterbetrieben werden. Die Häuser Weserstraße 3 und 5 werden dazu ebenso saniert wie die Weifrauenkirche. Durch den Rückbau der Zaunanlagen und Mauern, Roden der Zufalls-Begrünung und Beräumung der Poller und Beschilderung wird das Gebäude in seinem Solitärcharakter wieder frei gestellt. Insbesondere die Abschaffung der vor der Kirche und im Innenhof derzeit vorhandenen öffentlichen und privaten PKW-Stellplätze nebst Funktionsmobiliar in Verbindung mit der Rückgewinnung der ursprünglichen Freifläche zur Gutleutstraße schafft wieder einen “freien“ Platz. Eine Oase im Straßenraum entsteht auch durch ein wieder zugängliches Blockinnere. Unterstützt wird dieser Ansatz durch die Verlegung eines einheitlichen Bodenbelages sowohl vor, als auch um das Gebäude. Eine qualitätsvolle, steinerne Fläche, die, je nach Ausrichtung zum Straßenraum die Fassade der Kirche freistellt und zum Innenhof mit einem kleinen Platanenhain unterschiedliche, angemessene Freiräume von besonderer Qualität schafft Insgesamt wird mit der Neuinterpretation des Turms und dem geplanten Platz um die Kirche, qualitativ hochwertiger öffentlicher Stadtraum geschaffen.



22.10.2010

Nachtklub

DJ Bunny Rbbt

Xavieras Bar







22.10.2010

LEHMANN LAMPEN

Frankfurter Stern von Jens Lehmann leuchtet seit 2007 zur Langen Nacht am Heiligen Abend in der Diakoniekirche

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Seitdem hat Jens Lehmann in seinem Atelier in der Moselstraße eine ganze Werkgruppe von skulpturalen Leuchtkörpern hergestellt, die nun als LEHMANN LAMPEN das erste Mal unabhängig vom malerischen Werk des Künstlers gezeigt werden.

Die Lampe teilt sein geistiges Wesen (sofern dieses mitteilbar ist) dem Menschen nicht als Lampe selbst mit, sondern ist in der Unmittelbarkeit der Mitteilung schon Sprach-Lampe, ist schon deshalb ein benanntes Ding (und nicht mehr das Ding selbst oder das Ding an sich). Mitteilbar an diesem Ding sind z.B. seine Form, seine Farbeigenschaften, ob es mit einer Kerze oder einer Glühbirne leuchtet, ob sie hell oder gedimmt leuchtet etc. Dieses geistige Wesen der Lampe ist mitteilbar (und zwar unmittelbar, z.B. in der Wahrnehmung) und daher identisch mit ihrem sprachlichen Wesen. Deshalb könnte ich einem anderen Menschen diese Lampe beschreiben. Wichtig, aber zugegebenermaßen schwierig zu verstehen ist, daß ich jemand anderem die Lampe nicht durch, sondern in der Sprache mitteile. So teile ich nicht durch die Sprache den Gegenstand Lampe mit (denn durch Sprache kann ich nur die Wörter mitteilen), sondern der Gegenstand kann nur in der Sprache mitgeteilt werden (denn: "Es gibt kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich, seinen geistigen Inhalt mitzuteilen." Walter Benjamin).





Eröffnung am 22. Oktober 2010, 20 Uhr. Einführung: Gerald Hintze, Kurator.
Ausstellung bis 23. November 2010 - geöffnet von Montag bis Freitag von 12 bis 16 Uhr.



19.08.2010

Bahnhofsviertelnacht: BROT UND WEIN

Nachtmahl

„Wir leben, wir sterben und wir lieben nicht auf einem rechteckigen Blatt Papier. Wir leben, wir sterben und wir lieben in einem gegliederten, vielfach unterteilten Raum mit hellen und dunklen Bereichen, mit unterschiedlichen Ebenen, Stufen, Vertiefungen und Vorsprüngen, mit harten und weichen, leicht zu durchdringenden, porösen Gebieten. Es gibt Durchgangszonen wie Straßen, Eisenbahnzüge oder Untergrundbahnen. Es gibt offene Ruheplätze wie Cafés, Kinos, Strände oder Hotels. Und es gibt schließlich geschlossene Bereiche der Ruhe und des Zuhause. Unter all diesen verschiedenen Orten gibt es nun solche, die vollkommen anders sind als die übrigen. Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen. Es sind gleichsam Gegenräume. Das heißt, die Orte, welche die Gesellschaft an ihren Rändern unterhält, sind für Menschen gedacht, die sich im Hinblick auf den Durchschnitt oder die geforderte Norm abweichend verhalten.“ Diese Art von Gegenräumen an den Rändern unserer Gesellschaft werden von Michel Foucault als Heterotopien beschrieben, und es ist sehr nahe liegend und angemessen, diese Begrifflichkeit für die Ecke Weser-/Gutleutstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel ebenfalls zu gebrauchen, denn hier liegen an einem Ort ein Diakoniezentrum und eine Diakoniekirche. Um diese Ecke geht es beim Nachtmahl während der Bahnhofsviertelnacht.



18.07.2010

DER MÜDE TOD

16. FRANKFURTER KINOWOCHE - KINO AN UNGEWÖHNLICHEN ORTEN

DE 1921 | Regie: Fritz Lang | Darsteller: Bernhard Goetzke, Lil Dagover, Walter Janssen | 95 min
Musikalische Begleitung: Günter A. Buchwald

In Fritz Langs DER MÜDE TOD erbittet ein junges Mädchen vom Tod das Leben ihres verstorbenen Geliebten zurück. Er führt sie in einen Raum voller Kerzen. Es sind die Lebenslichter der Menschen, die dort brennen und verlöschen, sobald ein Leben zu Ende geht. Drei sind schon weit heruntergebrannt, und wenn es ihr gelingt, nur eines vor dem Verlöschen zu bewahren, erhält sie ihren Geliebten zurück. In drei visionären Episoden – sie spielen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten im Orient, im Italien der Renaissance und im kaiserlichen China – erlebt sie das Schicksal und Scheitern ihrer Liebe. Noch einmal gibt der Tod ihr eine Chance, wenn sie für das Leben des Geliebten ein anderes erhält. Doch auch das gelingt ihr nicht. Erst als sie sich selbst opfert – sie rettet ein Kind aus den Flammen – werden die Liebenden im Tod vereint.


Fotos: DIF/Uwe Dettmar

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17.07.2010

DER MANN OHNE VERGANGENHEIT. Mies vailla menneis yyttä

16. FRANKFURTER KINOWOCHE - KINO AN UNGEWÖHNLICHEN ORTEN

FIN/DE/FR 2002 | Regie: Aki Kaurismäki | Darsteller: Markku Peltola, Kati Outinen | 97 min | OmU

Aki Kaurismäkis merkwürdige Heldenfamilie würde sich hier im Bahnhofsviertel zu Hause fühlen. Seine Figuren, meist auf sich allein gestellt, kurz vor dem sozialen Abstieg und unterwegs, widersetzen sich wortkarg einer Welt widriger Lebensumstände. DER MANN OHNE VERGANGENHEIT wird zusammengeschlagen, verliert sein Gedächtnis und damit seine Identität. Kaurismäki schreibt diesem bereits Totgesagten eine Auferstehungsgeschichte zu, eine Menschwerdung. Mit stoischer Beharrlichkeit, einem Pionier gleich, fordert er einen Platz in der postindustriellen Gesellschaft, als soziales Notsystem entdeckt er die Solidarität unter den Ärmsten und die Liebe zu einer Heilsarmistin. Dem Leben am äußersten Rande des Wohlstandes nachspürend, ist die märchenhaft stilisierte und in surreal überhöhten Farben gestaltete Geschichte in einen Schwebezustand angesiedelt zwischen Tragik und Komik, Melodram und Realismus.


Fotos: DIF/Uwe Dettmar


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30.06.2010

SABA-Projekt mit Anny und Sibel Öztürk

Eröffnung

Selbstbestimmtheit erlangen, Perspektiven eröffnen, Schulabschlüsse nachholen - die SABA-Projekte der Crespo Foundation fördern Migrantinnen, die Teil der deutschen Bildungsgemeinschaft werden wollen. Das Lebensumfeld der Frauen bietet ihnen oft wenig Unterstützung auf dem Weg in eine selbstbestimmte Zukunft; die Entscheidung, zusätzliche Qualifikationen in Richtung Berufsleben zu erwerben, ist oft eine einsame. Im Oktober 2009 startete ein Kreativprojekt für den dritten Jahrgang der SABA-Stipendiatinnen. Zusammen mit den beiden Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk hat die Gruppe bei monatlichen Treffen bis zum Sommer 2010 an ihren kreativen sprachlichen und nichtsprachlichen Ausdrucksformen gearbeitet, die eigenen Wünschen und Ziele künstlerisch erfaßt und biographische Erlebnisse in schöpferische Prozesse gekleidet. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung ab dem 30. Juni 2010 in der Weißfrauen Diakoniekirche zu bewundern sein. Anny und Sibel Öztürk, 1970 und 1975 geboren, haben beide an der Frankfurter Städelschule studiert und treten auch als Künstlerinnen gemeinsam auf. Die Medien, derer sie sich bedienen sind vielfältig, ihren thematischen Mittelpunkt allerdings haben die Schwestern fest im Blick: Ihre Filme, Zeichnungen, Objekte oder Installationen setzen sich dezidiert mit den Erscheinungsformen kultureller Identität auseinander. Die Projekt-Ausstellung ist bis zum 23. Juli zu sehen.

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Junge Immigrantinnen bauen ein Haus in der Weißfrauen Diakoniekirche


von Anita Strecker | Frankfurter Rundschau, 6. Juli 2010

Sie malt, als ginge es um ihr Leben. Und es geht auch um ihr Leben, sagt die junge Frau. Über die Bilder hat sie Mut und Kraft entwickelt, sich von ihrer Familie, Ängsten und Zwängen zu lösen und für sich und ihre Kinder neue Perspektiven zu eröffnen. Vor gut einem Jahr hätte sie keine Sekunde daran gedacht. So wie sie nie gedacht hätte, je zu malen - so wenig wie 16 weitere Frauen in dem einjährigen Kreativprojekt.

Aber dann kam Saba. Das Bildungs- und Kulturprojekt der Crespo Foundation, das den Frauen aus Afghanistan, Bosnien, Eritrea, Pakistan, der Türkei zwischen 19 und 36 via Stipendium Schulabschlüsse oder Ausbildungen eröffnet. Nicht nur: Die Teilnehmerinnen sollen über Kunst über sich reflektieren, neue Formen kennen lernen, um sich auszudrücken, neue Fähigkeiten an sich entdecken und Selbstwertgefühl entdecken, zählen Karin Heyl, Geschäftsführerin der Crespo Stiftung, und Saba-Projektleiterin Cora Stein auf.

Das einjährige Kunstprojekt ist Pflicht für die Stipendiatinnen. Im Rückblick würde das aber keine mehr so nennen. Und kein Besucher der Abschlussausstellung, die im lichten Raum von Weißfrauen Diakoniekirche im Bahnhofsviertel zu sehen ist, käme auf diese Idee. Obwohl alle Frauen anfangs gesagt hatten, "das kann ich nicht, das will ich nicht", wie die Frankfurter Künstlerin Anny Öztürk erzählt, die mit ihrer Künstler-Schwester Sibel das Projekt geleitet hat. Einmal im Monat haben sich die Frauen getroffen, sind in Museen gegangen, haben Künstlerinnen besucht, Kataloge gewälzt. Was ist Kunst? Spurensuche über die eigene Biographie. "Wir haben über unsere Kindheitserinnerungen gesprochen", sagt Anny Öztürk. Eine Frau aus Ex-Jugoslawien schildert traumatische Kriegserlebnisse. Ein Jahr hat sie im Wald gelebt, sich von Käfern und Baumrinden ernährt. Eine Frau aus Somalia erzählt wie sie von ihrem Mann angekettet und misshandelt wurde.

Die Erinnerungen sind Bilder der Ausstellung geworden. "Es war erschütternd", sagt Anny Öztürk. "Man selbst jammert über jeden Mist und da draußen gibt es noch ein ganz anderes Leben." Auch sie hat viel gelernt in dem Jahr, sagt Anny Öztürk. Auch alle Vorurteile sind verflogen wie Schlechtes Deutsch und Kopftuch ist gleich dumm. "Die Frauen haben sich geöffnet, haben gezeigt wie stark und klug sie sind."

Und sie haben gemalt. Der Einstieg war nicht leicht. Frida Kahlos Werk wurde Brücke wie die Bilder in der Ausstellung zeigen. Die Künstlerin stand Pate, dass man Glück und Leid chiffriert darstellen kann, sagt Anny Öztürk. Die Botschaft ist angekommen und mit ihren Werken und ihrem Schaffensdrang haben die jungen Frauen sogar ihre "Leiterinnen" überrascht. Und es ist noch viel mehr passiert, sagt Sibel Öztürk. "Die Frauen haben sich ausgetauscht, unterstützt, bestärkt." Sie sind zur engen Gemeinschaft zusammengewachsen - mit erstarkten Frauen, die ihr Leben in die Hand genommen haben.

Ihr Zusammengehörigkeitsgefühl haben die Frauen auch in der Ausstellung dokumentiert, sie wollten nicht nur Einzelbilder zeigen, sondern gemeinsam etwas schaffen. Vorlage lieferten ihre Künstler-Schwester, die einmal ein Haus als Installation gebaut hatten - in Anlehnung an ein altes osmanisches Recht, dass wer über Nacht ein Haus errichtet und kein Gericht das binnen sieben Jahren räumen lässt, der Grund für immer dem Hausbauer gehört.

Sechs Tage vor Ausstellungsbeginn haben die Saba-Frauen gemeinsam ihr buntes Haus in der Weißfrauen Diakoniekirche gebaut - stark genug, sich Raum zu nehmen.


Von fernen Ländern und Menschen


von Konstanze Crüwell | Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05. Juli 2010

Eine so fröhliche Vernissage erlebt man selten: 15 strahlende junge Frauen aus fernen Ländern präsentierten in der Weißfrauen-Diakoniekirche (Weser- Ecke Gutleutstraße) ihr gemeinsames Werk: ein originelles kleines Haus, außen mit vielen bunten Bildern geschmückt, ausgestattet mit einer selbstgebastelten TV-Schüssel und einer langen Wäscheleine, an denen lauter lustige Baby- und Kinderkleider aus Papier baumeln. Die Gemälde und Objekte dieser Installation haben die jungen Migrantinnen, allesamt Stipendiatinnen des SABA-Programms der Crespo Foundation, seit einem Jahr bei den monatlichen Treffen mit den Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk geschaffen.

Jetzt haben alle 15 Stipendiatinnen den Hauptschul- oder den Realschulabschluss geschafft und damit in den vergangenen zwölf Monaten ihr Ziel erreicht. Und so wurde die Ausstellungseröffnung zu einem bewegenden und herzerwärmenden Fest: Es galt, eingewanderte Frauen zu feiern, die sich mit enormem Fleiß und Engagement den Weg in eine aussichtsreiche Zukunft gebahnt haben. Angesichts dieser jungen Ausländerinnen, die sich so sichtbar über ihren Erfolg freuten und so überzeugend in ihrer Gewissheit wirkten, dass sich mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auch noch weitere Türen öffnen ließen, wurde das Leitmotiv der Crespo Foundation, "Menschen stark machen" unmittelbar anschaulich.

Die als Kreativprojekt bezeichnete künstlerische Arbeit, deren Resultate hier ausgestellt sind, betrachtet die Crespo Foundation als einen unverzichtbaren Baustein ihres Stipendienprogramms, das Migrantinnen zwischen 18 und 35 Jahren seit 2006 die Chance bietet, einen Schulabschluss nachzuholen, um sich danach weiter zu qualifizieren, eine Berufsausbildung zu beginnen oder einen Studiengang anzustreben. Das Programm umfasst Schulgeld, Bildungsgeld, Mittel für Nachhilfe, Monatskarte, Kinderbetreuung. Geboten werden außerdem regelmäßige Treffen in der Gruppe und eben auch das Kreativprojekt: Kunst könne ein Raum und eine Methode sein, die Welt "anders" wahrzunehmen, sei eine andere Form des Lernens, heißt es in einer Publikation des SABA-Bildungsstipendienprogramms für Migrantinnen. Daher bietet dieses Programm den Teilnehmerinnen auch die Möglichkeit, mit den beiden Malerinnen und Städelschulabsolventinnen Anny und Sibel Öztürk kreativ zu arbeiten: Beide setzen sich schon aufgrund ihrer eigenen multinationalen Familiengeschichte in ihren eigenen Arbeiten immer wieder mit Fragen der Identität auseinander und haben daher offensichtlich sehr rasch den Kontakt zu den Migrantinnen gewonnen. "Letztes Jahr war ich sehr hoffnungslos", schreibt eine Stipendiatin. "Nachdem ich SABA getroffen habe, ist alles anders geworden. Wenn jemand mir voriges Jahr gesagt hätte, dass ich den Hauptschulabschluss schaffe und danach den Realschulabschluss machen möchte, hätte ich nicht daran geglaubt. Ich bin sehr glücklich darüber."



19.06.2010

GEDENKEN für die Opfer an den europäischen Außengrenzen

Lesung / Fürbitten / Nachtmahl / Nachtgebet

An den Außengrenzen der Europäischen Union finden immer mehr Menschen auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben den Tod. Sie fliehen vor der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch Kriege, Umweltkatastrophen, ungerechte Wirtschafts- und Handelsbedingungen und sie fliehen vor den gewalttätigen und diskriminierenden gesellschaftlichen Verhältnissen in ihren Herkunftsländern. Besonders dramatisch ist die Lage im Süden der EU, wo Mittelmeer und Atlantik die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Afrika bilden. Tausende Flüchtlinge und MigrantInnen versuchen in kleinen, seeuntüchtigen Booten die gefährliche Überfahrt – wie viele von ihnen auf dem Meer ertrinken, verdursten oder Opfer von Gewalttaten werden, kann nur geschätzt werden. Allein die spanischen Behörden gehen davon aus, dass im Jahr 2006 und nur vor den Kanaren rund 6000 Menschen gestorben sind. Flüchtlingsorganisationen befürchten, dass jede/r Zweite auf den Routen von Afrika über das offene Meer nach Europa ums Leben kommt. Auch an den östlichen Grenzen der EU finden vielfältige Menschenrechtsverletzungen statt, sei es durch lang andauernde Inhaftierungen von Flüchtlingen, durch den Ausbau menschenunwürdiger Flüchtlingslager und durch die Rückschiebungen von Flüchtlingen.

Beauftragte für Flüchtlingsaufnahme der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau
www.diakonie-hessen-nassau.de



02.06.2010

Sexarbeit - eine Welt für sich

Lesung / Vortrag / Ausstellung / Bar

Sex-Dienstleistung ist in Deutschland legal, stark nachgefragt, seit dem Prostitutionsgesetz von 2001 nicht mehr sittenwidrig und dennoch weitgehend ein Tabuthema. In Frankfurt ist sie ein einträglicher Wirtschaftsfaktor, aber immer noch von krimineller Ausbeutung betroffen. Der 2. Juni ist Internationaler Hurentag. Vor 35 Jahren besetzten französische Prostituierte eine Kirche und traten in Streik: als politisches Zeichen gegen die gesellschaftliche Diskriminierung und für die Anerkennung ihrer Tätigkeit als Beruf. Frankfurter Einrichtungen erinnern daran und zeigen am 2. Juni die Szenische Lesung SEXARBEIT - EINE WELT FÜR SICH. Dieses aufklärende Projekt ist eine Collage authentischer Geschichten aus Arbeits- und Lebenswelten im Sexgewerbe. Die Schauspieler Ulrike Johannson und Thor W. Müller tragen zehn Milieugeschichten vor, begleitet von einer Toncollage und einer kleinen Ausstellung mit acht Original-Objekten aus dem Arbeitsalltag im Sexbusiness. Anschließend findet ein Kurzvortrag von Dr. Elisabeth von Dücker über Hintergründe der Sexarbeit statt, hier besteht die Gelegenheit für Publikums-Fragen und Gespräch sowie Austausch mit den Beteiligten. Die Lesung bietet Einsicht in soziale Realität: Hinter der Fassade von Glamour und Stigma haben nun die Frauen und Männer eine Stimme, über die sonst immer nur geredet wird.

Arbeitsbedingungen im Sexgewerbe sind in den öffentlichen Blick geraten mit dem Gesetz vom 1. Januar 2002, das die Diskriminierung von Prostitution als sittenwidrig aufhob und sie als Dienstleistung anerkannte. Ein Gesetz gegen Frauen- / Menschenhandel und Zwangsprostitution ist aus mancher Sicht in Deutschland überfällig. Es gibt jedoch extrem divergierende politische Positionen. Die politische Debatte z. B. über den neusten Entwurf einer Freierbestrafung - nach dem Vorbild des schwedischen Modells - scheint weder in der öffentlichen Diskussion, noch als Thematik mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein.
Im Prostitutionsgewerbe arbeiten in Deutschland nach Schätzungen der Bundesregierung ca. 400.000 weibliche Prostituierte. Über die Hälfe davon sind Migrantinnen, viele davon mit illegalem Aufenthaltstatus. Sie sind, obwohl freiwillig in der Prostitution tätig, um ihre Familien in den armen Ländern Osteuropas oder Lateinamerikas zu ernähren, erhöhter Ausbeutung und Gewalt durch SchleuserInnen, VermieterInnen und Zuhälter ausgesetzt. Von internationalen Netzwerken wie TAMPEP wird für diese Frauen eine Legalisierung des Aufenthalts gefordert.
In Deutschland bezahlen 1,2 Mio. Männer täglich für sexuelle Dienstleistungen von Prostituierten. Der Jahresumsatz im Sexgewerbe liegt in Deutschland bei ca. 14 Milliarden Euro.
Im Frauenhandel werden nach UN-Schätzungen allein in Europa 500.000 Frauen und Mädchen verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Etwa 10 Milliarden Jahresumsatz bringt dieser Sklavinnenhandel des 21. Jahrhunderts den FrauenhändlerInnen ein.



27.05.2010

LINSE - WINTER/HÖRBELT

Eröffnung/Konzert /Bar - Ausstellung bis Ende August

Als Linse bezeichnet man ein optisch wirksames Bauelement mit zwei lichtbrechenden Flächen, von denen mindestens eine Fläche konvex oder konkav gewölbt ist. Die wichtigste Eigenschaft einer Linse ist die optische Abbildung. Mit ihrer künstlerischen Intervention LINSE bringen Winter und Hörbelt in diesem Sommer den Hintergrund der Physik in den Kirchenraum. Der Begriff des Raumes fand erst in der Renaissance Eingang in die Physik. Platon und Aristoteles hatten lediglich nach dem Wesen des Ortes gefragt. Wenn man über einen Ort weiß, dass sich etwas an ihm befindet oder dass er etwas enthält, dann stellt sich die Frage nach der Natur der Entität, das heißt nach dem Dasein im Unterschied zum Wesen eines Dinges. Die Entität kann verschiedene Dinge enthalten, ohne sich selbst zu ändern. Und als zweite Frage drängt sich auf, ob es einen leeren Ort geben kann. Beide Fragen lassen sich übrigens in der Frage zusammenfassen, ob der Raum absolut oder relativ ist, das heißt, ob er unabhängig von seinem Inhalt existiert, oder ob er lediglich die Vorstellung ist, die wir uns von den Grenzen der darin enthaltenden Gegenstände machen - in der Frage also, ob er reine Ausdehnung ist.

[Fotos: Peter Loewy]


DAS ATMEN DER ORGEL
von Christoph Schütte

„Kastenhäuser“, ein „Museum mit Kisten“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, „Baskets“ oder Tische unter dem Titel „Mensa“. Im Allgemeinen ist das skulpturale Werk des Künstlerduos Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt schlechterdings nicht zu übersehen. Nicht nur, weil es stets auf Kommunikation mit dem und Aneignung durch den Betrachter angelegt ist und sich mithin erst im öffentlichen Raum bewährt. Sondern auch, weil es einen Raum recht eigentlich erst definiert und schafft. Das galt schon für das weiße, mit seiner Atmosphäre an einen Meditationsraum gemahnende „Kastenhaus“ aus Getränkekisten, das die beiden Frankfurter Künstler während des Kirchentages 2001 an das Mainufer setzten, für das „MMK“ im MMK oder für ihre zahlreichen Sessel und leuchtenden Bänke in Parks und Grünlangen.

Insofern man sich angesichts der aktuellen, eigens für diesen Ort entstandenen Arbeit in der Frankfurter Weißfrauen Diakoniekirche verblüfft die Augen reiben. Denn zunächst einmal sieht man: nichts. Oder wenigstens fast nichts. Der künstlerische Eingriff des Duos ist zurückhaltend, ja minimal. Winter und Hörbelt haben eine schlichte konvexe Linse in die durchbrochene Betonwand zum Kirchenraum gebaut, das ist auf den ersten Blick dann aber schon alles. Und wäre, trotz des auf diese Weise erreichten, den Raum verdichtenden und kaleidoskopartigen Effekts, vermutlich doch ein bißchen wenig. Wie genau freilich die Ausstellung konzipiert und wie präzise sie auf den von den Künstlern vorgefundenen Kontext bezogen ist, erschließt sich dem Besucher erst allmählich, genauer: zu jeder vollen Stunde.

Winter und Hörbelt haben ihrer „Linse“ eine Soundarbeit für die Kirchenorgel zur Seite gestellt. Mit zwölf Metallgewichten, die, nacheinander auf zwölf Tasten aufgelegt, Ton für Ton einen weiteren, aus nichts als Klang gebauten Raum generieren, bis die Künstler dem vollen, satten und die ganze Kirche erfüllenden Klang des Instrumentes buchstäblich die Luft abdrehen. Und die Orgel hörbar „ausatmet“, dann und wann fast ein wenig stottert, bis sie nach zwei, drei Minuten endlich ganz verstummt, als hauche sie gerade ihre Seele aus. Ein schlicht großartiger Moment.

Als Einzelarbeit ist dieses minimalistische „Orgelpfeifenblowout“ fraglos spektakulärer als der optische Effekt der „Linse“. Doch erst im Zusammenspiel offenbart sich der ganze Zauber der kleinen Schau. Denn nun erst entfaltet sich das ganze Spannungsfeld der beiden Arbeiten, treffen sich die kalkuliert präparierten Linien des realen, gespiegelten und imaginierten, des weiten und verdichteten, des sakralen, architektonischen, sozialen und gänzlich abstrakten Raums an einen Punkt, der seltsam schillert, die Zeit und den Ort mit allen von den Künstlern zur Verfügung gestellten Parametern aber trotzdem präzise vermißt. Und genau dort steht der Betrachter. Und staunt.

[FAZ,12.8.2010]



25.05.2010

DER MOND IST AUFGEGANGEN. Ein Abend für Matthias Claudius

Lieder & Texte / Brot & Wein

Wer nichts von ihm kennt, der kennt das Abendlied Der Mond ist aufgegangen, mit dem Matthias Claudius (1740-1815) in das empfindungsfähige Gedächtnis der Menschen eingegangen ist, und das, für viele jedenfalls, ein Anknüpfungspunkt persönlicher Erinnerung geblieben ist. Der Herausgeber des „Wandsbecker Boten“, der ersten deutschen Volkszeitung für Politik, Wissenschaft und Kultur, entwickelte in seinem Leben eine unprätentiöse und fröhliche Menschlichkeit. Sein Werk ist Zeugnis eines unkonventionellen, dabei christlich-frommen und menschenfreundlichen Geistes. Motiviert durch seine ganz persönlichen musikalischen Kenntnisse und Fähigkeiten, kommt in seiner Lyrik ein Ton zur Sprache, der, und dies schon zu seinen Lebzeiten, viele Komponisten angeregt hat, seine Verse in Musik zu setzen.

Programmheft "DER MOND IST AUFGEGANGEN. Ein Nachtmahl für Matthias Claudius" zum Download

„Unsern kranken Nachbar auch“
Musikalisches Nachtmahl für Matthias Claudius in der Diakoniekirche

Die lange Tafel ist gedeckt: Das Brot direkt auf den Tisch, auf jeden Platz ein Rotweinglas, ein Programmheft mit einem Porträt von Matthias Claudius auf der Titelseite und ein Gesangbuch. Aufgeschlagen ist Lied Nr. 482: „Der Mond ist aufgegangen“. Das Klavier steht bereit.

So einfach und überzeugend lud Kurator Gerald Hintze zum Nachtmahl für Matthias Claudius in die Weißfrauen Diakoniekirche ein. „Der Dichter“, sagte er in seiner Begrüßung, „war ein aufgeklärter Mensch und gleichzeitig sehr fromm. Er passt zu diesem Ort nahe WESER5, wo Wohnsitzlose auf ganz unterschiedliche Weise vom Sternenzelt beschützt werden.“

Matthias Claudius wurde 1740 in Holstein in eine Familie geboren, in der der Beruf des protestantischen Pfarrers seit 150 Jahren gängig war. Er studierte also Theologie, dann Jura und Wirtschaft, verließ die Universität jedoch ohne Abschluss und hatte sein Leben lang keine feste Stelle. Aber der „Wandsbeker Bothe“, ein vierseitiges Blatt, wurde unter seiner Federführung in ganz Deutschland bekannt. Darin veröffentlichte er Gedichte und Lieder, Rezensionen, philosophische Abhandlungen und religiöse Betrachtungen sowie einen fiktiven Briefwechsel mit einem Vetter, in dem er die Tagesereignisse weise und humorvoll kommentierte. In Wandsbek bei Hamburg heiratete er auch Rebekka, die 17-jährige Tochter eines Schreinermeisters und führte eine überaus glückliche Ehe mit ihr, aus der zwölf Kinder hervorgingen. Dabei waren die materiellen Lebensbedingungen bescheiden. Das änderte sich erst, als der dänische Kronprinz ihm eine Jahrespension gewährte. Das Leben dieses menschenfreundlichen Dichters skizzierte Michael Berg beim Nachtmahl und hob dabei dessen Glauben an die Brüderlichkeit aller Menschen hervor.

Zunächst aber wurde Claudius berühmtes Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ nicht gesungen, sondern von Schauspieler Matthias Scheuring vorgelesen. Dadurch erhielten die bekannten Verse neuen Glanz. Weniger bekannte, aber nicht minder anrührende, vertonte Texte des Dichters trugen die Baritone Thomas Charrois und Gerhard Singer zusammen mit den Sopranistinnen Steffi Freidank und Simone Paus vor. Begleitet von Michael Berg am Klavier gelang es ihnen, die tiefe Frömmigkeit und das heitere Gottvertrauen des Dichters zum Ausdruck zu bringen: „Ich danke Gott und freue mich/Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,/ Daß ich bin, bin! Und daß ich dich, /Schön menschlich Antlitz habe“, heißt es etwa in „Täglich zu singen“. Zwischendurch las Scheuering immer wieder kleine Prosatexte aus dem „Wandsbeker Bothen“, die die rund 40 Menschen, die sich zum Nachtmahl eingefunden hatten, oft erheiterten. Zum gut ausgedachten Schluss durften dann doch noch alle gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ singen – mit schönen Solopartien der Sänger. Kurator Hintze erhob sein Glas auf den „kranken Nachbar“, der im Abendlied, aber auch in WESER5, so brüderlich bedacht wird.

[Evangelisches Frankfurt, Juni 2010]

[Stephanie von Selchow]



10.05.2010 bis 21.05.2010, 18:00 - 21:00 Uhr

LOOKAHEAD - FLORIAN JENETT

Montag, 10. Mai 2010, 20 Uhr
Eröffnung / Bar

Die Skulptur Lookahead besteht aus einer aufblasbaren Radarkuppel mit einem Durchmesser von 12,5 Metern. Die Arbeit beschäftigt sich mit Strategien der Projektion des Zukünftigen und deren Auswirkungen auf Entscheidungen im Jetzt. Die Form der Kuppel vereint dazu zwei gegensätzliche Haltungsmöglichkeiten. Kugel- und Kuppelbauten begegnen uns oft als Versinnbildlichung von etwas Größerem, als Himmelsdach in sakralen Bauten (Synagogen, Kirchen, Moscheen) oder als architektonischer Gegenentwurf in Zukunftsszenarien und Utopien (Bio-Sphäre, Buckminster Fuller, Domehouse Bewegung). Als begehbare Räume stellen diese Bauten die Besucher ins Zentrum. Sie sind Orte der Gemeinschaft, der Geborgenheit und zugleich Orte der Konzentration und des Ausblicks. In ihrem Inneren kann man von einem Ort aus alle Seiten der Kuppel sehen. Jeder Blick trifft immer auf die allumspannende Außenhaut und wird damit zu einem Blick auf das Ganze. Die Kuppel von Lookahead ist ein Nachbau einer von der Bundeswehr während des Kalten Krieges auf der Wasserkuppe betriebenen Radaranlage. Sie setzt sich aus einem quasi-zufälligen Facettenmuster zusammen, das einen Kompromiß zwischen funktionalen Eigenschaften und den Ansprüchen des Radars darstellt. Es entstand eine Form, deren Interpretationsmöglichkeiten die Kuppel zu einer industriellen Skulptur machen.

lookahead lookahead lookahead

Doppelpaß im Rotlichtviertel
Von Zylvia Auerbach

Mit der gegenläufigen Dynamik von “Projektionen des Zukünftigen und deren Auswirkungen auf Entscheidungen im Hier und Jetzt” beschäftigt sich Florian Jenetts Rauminstallation "Lookahead" in der Frankfurter Weißfrauen Diakoniekirche.

Anachronistisch steht ein riesiger geodätischer Dom inmitten des Kirchenschiffs. Rein formal befindet sich die futuristische, runde weiße Kuppel mit ihrem Netz aus Dodekaedern im Dialog mit den architektonischen Eigenschaften der großen Saalkirche, dem Linienmuster der minimalistischen Natursteinfliesen auf dem Boden als auch mit den runden, farbigen Kirchenfenstern hoch oben im Raum. Besonders hervor gehoben wird die Verbindung von Objekt und Raum in den Momenten, da das Sonnenlicht durch die Glasfenster schimmert und seine Reflektionen die weiße Außenhaut der Domkuppel in ein flüchtiges Spiel bunter Projektionen tauchen.

Um ins Innere der Kuppel zu gelangen, tritt der Besucher aus dem Durchgang, durch eine Druckschleuse hindurch, hinein in den mit Luft gefüllten Ballon. Außen weiß und innen bunt, überrascht die Innenhaut der Domkuppel in schillernder Perspektivenvielfalt mit Details großformatiger, malerisch verfremdeter Werbemotive. Vollkommen wird hier auf das Trugbild des einen vorherrschenden Blickpunktes verzichtet.

Das intime Refugium des Doms im Inneren des Schutzraums der Kirche verbindet Begriffe von Freiheit und Verschluß – der Besucher befindet sich in einem hermetisch abgeriegelten Innenraum, gleichzeitig an einem imaginären Zufluchtsort und immer inmitten der Alltagsrealität dieses besonderen urbanen Brennpunktes im Frankfurter Rotlichtmilieu.

Angenommen, die Inkarnation – also die Fleischwerdung des Menschen – mache seine Räumlichkeit aus, dann wären die Folgen immens. Gaston Bachelard hat aus dieser Grundbestimmung unseres Lebens gefolgert, es müsse analog zur Psychoanalyse eine „Topo-Analyse“ geben, „also das systematische psychologische Studium der Örtlichkeiten unseres inneren Lebens.“ (1) Dahinter steht der Gedanke, daß es eine Korrespondenz zwischen den inneren und den äußeren Räumen gibt und beides aufeinander bezogen bleibt. Das Unbewußte lebt nicht irgendwo, sondern in inneren Räumen, die ihre Entsprechung im Äußeren finden. Das Haus beschützt die Träumerei und umhegt den Träumer. Spätestens seit Etienne-Louis Boulées (1728-1799) utopischen Ausführungen von Kuppelbauten, z.B. dem Kenotaph für Newton, sind Gebäude, idealisiert und geträumt, die große Integrationsmacht für Gedanken und Erinnerungen, Sehnsüchte und Träumereien.

Florian Jenetts künstlich geschaffener Raum im Raum hat einen Durchmesser von ca. 15 Metern und besteht gänzlich aus geometrischen Transformationen eines Dodekaeders die, bunten Schmetterlingsflügeln gleich, aneinander gelegt sind. Vor allem durch die ökonomische Wiederverwertung perfekt zugeschnittener Formen aus ganz alltäglichen Werbeplanen, verbunden mit dem Gedanken an Ökonomie, wirtschaftliche Grundsätze und ein Interesse am durchgängigen systemischen Wirken natürlicher Prinzipien knüpft Florian Jenett an Ideen des ikonischen amerikanischen Fortschrittsdenkers und Gestalters Buckminster-Fuller (1895-1983) an. Fuller prägte den Begriff des geodätischen Doms in den 40er Jahren entscheidend mit.

Buckminster-Fullers Einfluss in der zeitgenössischen Kunst ist 27 Jahre nach seinem Tod stärker denn je zu erkennen: Wenn Olafur Eliasson wie in „Blind Pavillon“ aus energiegeladenen Stahl- und Glasformen baut und so hofft Raumwahrnehmung zu dynamisieren, oder wenn die Skulpturen von Pedro Reyes und Josiah McElheny auf eine Auseinandersetzung mit geometrischen Visionen zurück gehen so ist dies Buckminster-Fuller geschuldet. Selbst Andrea Zittels Performance-Installationen „Living Units“ nehmen mit ihrer Idee des effizienten Wohnens auf allerengstem Raum direkte Anleihen bei Buckminster-Fullers spleenigen Wohnhausdesigns.

Mit seinem “Lookahead” Dom also, befindet Florian Jenett sich künstlerisch in illustrer Gesellschaft. Wie geodätische Kuppeln allgemein, zeichnet sich der “Lookahead” Dom Jenetts durch große Stabilität und ein günstiges Verhältnis von Material zu Volumen aus. Als Lebensraum bietet der Dom Vorteile durch natürlichere Schallverteilung und Luftzirkulation. Zudem präsentieren Geodätische Kuppeln beste akustische Eigenschaften.

“Die Kuppel von LOOKAHEAD ist ein Nachbau einer von der Bundeswehr während des Kalten Krieges auf der Wasserkuppe (Rhön) betriebenen Radaranlage. Sie setzt sich aus einem quasi-zufälligen Facettenmuster zusammen, (…) Das Facettenmuster enthält zwei sehr gegensätzliche Elemente: zwischen regelmäßig platzierten Pentagrammen scheinen sich abstrakte Schmetterlinge frei zu bewegen. Aus rein rationellen Gründen entstand eine Form, deren Interpretationsmöglichkeiten die Kuppel zu einer industriellen Skulptur machen.” Florian Jenett

In der künstlerischen Tradition utopischer Lebensräume ist Florian Jenetts “Lookahead” eine zeitgemäße Neufassung und knüpft direkt an Arbeiten wie Bucky-Fuller’s “Dome Over Manhattan”, den “Clean Air Pod” von der Gruppe Ant Farm und “Oase Nr.7” von Haus-Rucker-Co an. Ähnlich der “Air Port City” von Thomas Saraceno stellt Florian Jenett mit seinem “Lookahead” Dom politische, soziale, kulturelle und militärische Grenzen infrage.

Die Person des Künstlers als Katalysator beschreibt Florian Jenetts Position wahrscheinlich am besten, denn Jenett arbeitet nicht nur als Künstler. Er ist auch Designer, Kurator, Organisator, Lehrer und nicht zu letzt arbeitet er als Forscher und Entwickler im Bereich der Neuen Medien. Dieser außergewöhnlich vielseitigen Praxis gerecht zu werden, ist vielleicht größte Herausforderung bei der Veranschaulichung von Florian Jenetts künstlerischen Strategien. Dementsprechend ist auch einer der zentralen Aspekte in den Arbeiten Florian Jenetts das Entwickeln von nutzbaren Synergien, Ob eine Tonne Centstuecke wie in der Arbeit “1t ct” oder das zu Pistolen gefrorene, gefärbte Wasser der Arbeit “Freeze”, wandelbare Phänomene der Ephemerisierung und Entropie bestimmen stets die Bilder in Florian Jenetts Kunst.

Wo das Morgen unsicher geworden ist, in einer Welt, in der Nachrichten von Erderwärmung, Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Ressourcenverknappung und geopolitischen Zwangslagen nicht nur Pessimisten zu dunklen Vorahnungen treiben werden Zukunftsvisionen wieder interessant. Indem Gerald Hintze, Kurator des Ausstellungsprojekts, die besondere Bedeutung von Florian Jenetts Arbeit an einem Ort betont, der Menschen ohne Wohnung einen geschützten Raum bietet, erlaubt er dem Künstler mit seiner Installation “Lookahead” ein Zeichen zu setzen. Bildhaft verweist Florian Jenett nicht nur auf kulturelle und gesellschaftliche Problemstellungen, er bietet dem Betrachter den Lösungsansatz gleich mit am. In diesem Sinne dürfen wir gespannt in die Zukunft schauen, und uns auf weitere Arbeiten von Florian Jenett freuen. We’re looking ahead mesmerized.

1 Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, 35

 

Blick nach vorn
Von Mia Beck
(Frankfurter Rundschau, 14. Mai 2010)

Die Installation Lookahead des HfG-Absolventen Florian Jenett betritt man durch eine Türschleuse, ein System, das man aus Krankenhäusern kennt. Zunächst wird eine Tür geöffnet und der Besucher betritt einen Schleusengang. Nachdem diese Tür geschlossen wurde, gelangt man durch eine weitere in einen Raum, der wie das Innere eines bunten Balls wirkt.

Der Ausstellungsbesucher ist umgeben von einer Kuppel mit einem Durchmesser von zwölfeinhalb und einer Höhe von zehn Metern. Sie ist aus fünf- und sechseckigen Plastikplanen-Teilen zusammensetzt, auf denen es Fragmente klassischer Lifestyle- und Werbe-Motive, Abbildungen technischer Apparaturen (Fernbedienung, Steckdose) und auch ein paar lachende Fußballfans zu entdecken gibt. Blickt man weiter umher, fallen einem Vielecke in zartem Rosa auf, die mit ihren verwischten Strukturen fliegenden Schmetterlingen ähneln. Es rieche nach Urlaub, findet eine Besucherin, und in der Tat erinnert der Gummigeruch des Baumaterials an dünne, aufblasbare Billigluftmatratzen und Wasserbälle.

Aus hölzernen Paletten, die mit schwarzen Gummimatten überzogen sind, wurde im Zentrum des Gebildes eine Sitzgelegenheit gebaut, ein Ort für die Kommunikation der Besucher. Der Ausdruck to look ahead bedeutet nach vorne blicken, für etwas Vorsorge treffen oder die Zukunft planen. Es scheint so, als könne dies ein geeigneter Ort sein, um sich über das Hier, das Jetzt und die Zukunft mit anderen auszutauschen.

Im Innern der Kuppel kann sich ein leichtes Schwindelgefühl einstellen, weil das Gebilde ein wenig in sich zusammenzusacken scheint. Es handelt sich um ein aufblasbares Behältnis, das durch eine kleine Zufuhrschleuse mit Luft versorgt wird. Der Druckabfall, der beim Öffnen der Tür entsteht, wird ausgeglichen, indem Luft nachgepumpt wird.

Jenett interessiert sich für Objekte, die er nachbauen kann. Bei "Lookahead" handelt es sich um den Nachbau einer Radarkuppel, die die Bundeswehr während des Kalten Krieges auf der Wasserkuppe betrieb.

Was ein Raum ist und was er bewirken kann, ist bis Ende Mai Thema in der Weißfrauen Diakoniekirche. Kurator Gerald Hintze sagt, dass diese Fragestellung an einem Ort, der Menschen ohne Wohnung einen geschützten Raum bietet, von besonderer Bedeutung sei.

Am 25. Mai folgt ein Abend mit Liedern des Lyrikers und Journalisten Matthias Claudius, der in seinem bekannten Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" nach Ansicht der Veranstalter das nächtliche Himmelszelt als Raum definierte. Am 27. Mai wird das Frankfurter Künstlerduo Winter/Hörbelt seine Vorstellung vom absoluten und relativen Raum in Form einer Linse präsentieren.



18.03. - 30.04.2010

PETER SAUERER:
DON'T TAKE YOUR GUNS TO TOWN

Ausstellungseröffnung mit einem Konzert von Jost Hecker (Cello) und Peter Sauerer (Akkordeon)
am 18.3.2010, 20 bis 23 Uhr

Ausstellung bis 30. April 2010
Montag bis Freitag von 12 bis 16 Uhr

FEHLER IM SYSTEM

Wir tappen immer wieder in die gleiche Falle: Wir haben keine Geduld, keine Zeit und wollen alles sofort, weil wir nicht sicher sind, was morgen oder was in einem Monat ist. Dabei wissen wir, dass wir uns eigentlich Zeit nehmen sollten, so wie der Künstler sich Zeit nehmen muss, um ein substantielles Werk zu schaffen. Solche Arbeiten aber, in denen Zeit und Erfahrung gespeichert sind, brauchen natürlich auch einen Betrachter, der nicht gleich in die Zeitfalle tappt und vor lauter Ungeduld das Eigentliche verpasst. Nur wer sich Zeit nimmt, wird das Kunstwerk als etwas kennen lernen, das ein Energiefeld zu schaffen in der Lage ist und einen kommunikativen Prozess anregen kann. Denn neben der sorgfältigen Betrachtung einer Sache ist es letztlich das laute und leise Sprechen über dieses und jenes, das auf uns stimulierend wirkt und uns miteinander verbindet. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, dass zwei Betrachter über dessen Bedeutung ein und desselben Arbeit einer Meinung sind. Ganz im Gegenteil. Oftmals lässt sich gerade über das differenzierende Moment ein nachhaltiger Kontakt zum anderen herstellen.

Opferstock Opferstock Opferstock Opferstock

Gute Kunstwerke evozieren eine ganz unverwechselbare, eigentümlich vitale Aufmerksamkeit für die unbekannten Aspekte an einer Sache. Mit dem, was die Künstler tun, weisen sie darauf hin, dass die Dinge sich nicht in ihrer einmal festgelegten Gestalt und Funktion erschöpfen, sondern dass ihnen noch andere als die bekannten Möglichkeiten innewohnen. So kann uns zum Beispiel ein scheinbar harmloser Opferstock, in dem das Geld für die Bedürfnisse der Gemeinde gesammelt und aufbewahrt wird, plötzlich wieder überraschen. Peter Sauerers Opferstock sieht einem herkömmlichen Gotteskasten oder Oblationarium zum Verwechseln ähnlich. Zwar weist die Beschriftung „OFFERTA“ und „GRAZIE“ in goldenen Lettern auf eine italienische Abstammung, dennoch wird ihn niemand in der Weißfrauen Diakoniekirche als unpassend empfinden. Ganz im Gegenteil. Seine schlichte Form passt in dieses Gotteshaus im Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem die vielfältigen ethnischen Gruppen gegenüber der deutschen Bevölkerung deutlich überwiegen. Beinahe stumm fordert er also auch hier den Kirchenbesucher zu einer Spende auf. Doch erst jenen, die ihn tatsächlich mit Münzen füttern, gibt er seine wahre Natur zu erkennen. Denn er verweigert die Annahme und spuckt die mildtätige Gabe umgehend wieder aus. So als wäre er es Leid, nur Kleingeld zu sammeln. So als hätte er es satt, den Spendern zu einem guten Gewissen zu verhelfen. So als würde er ihnen sagen: "Im Frankfurter Bahnhofsviertel herrschen härtere Regeln und Sitten. Hier geht es darum, anzupacken und die gröbste Not zu lindern. Hier zählt Präsenz und eine klare Sprache über die Dinge, die jene verstehen, die keine Wohnung haben. Hier geht es um Essen, Duschen, Schlafen. Um einen Ort zum Aufwärmen. Um ein Gespräch über Gott und die Welt und nicht um Peanuts. Grazie.“

Zu dieser Welt, über die es sich zu sprechen lohnt, gehören nicht nur Banken und Bordelle, sondern auch Waffen. Pistolen etwa, die ihren Besitzern Stärke verleihen. Respekt und Durchsetzungskraft. Selbstvertrauen. Waffen, mit denen es vielleicht gelingen könnte, sein Recht zu fordern und sich aus der aktuellen misslichen Lage zu befreien. Eine Vitrine mit sieben sorgfältig geschnitzten Handfeuerwaffen in dieser Kirche, in der man sich um die Gescheiterten kümmert, erscheint auf einmal nicht mehr nur absurd. Auch dem hölzernen Abbild eines luxuriösen Faberge-Eies wächst durch den spezifischen Kontext eine kritische Bedeutung zu. Nicht zuletzt weil all dies während der letzten Woche der Passionszeit zur Schau gestellt wird. Selbst wenn die Bedeutung dieser stillen Trauerwoche vor Ostern, der Karwoche, vielen nicht mehr präsent ist, spüren die meisten wohl dennoch etwas von ihrer ursprünglichen Sonderstellung im Jahr. Die Woche beginnt mit dem Gedächtnis des Einzugs Jesu in Jerusalem am Palmsonntag und erreicht ihren Höhepunkt im Triduum Sacrum: nach dem Gründonnerstag, an dem die Einsetzung der Eucharistie bzw. des Abendmahl gefeiert wird, und dem Gedächtnis des Leidens und Sterbens Jesu am Karfreitag folgt Ende des Karsamstag die Feier der Osternacht.

All das spielte für Peter Sauerer eine Rolle, als er das Angebot bekam, eine Ausstellung für diesen speziellen Ort zu konzipieren. Und da sich Peter Sauerer als Künstler nichts verbietet und sich all jene Dinge gründlich vornimmt, denen es gelingt, seine Aufmerksamkeit zu binden, kreuzen und ergänzen sich mit der Präsentation von Kunst im Kirchenraum sehr spannungsvoll ganz unterschiedliche Anliegen und Interessen. Dabei tut Peter Sauerer eigentlich nur das, was er immer macht. Er folgt stets jenen Impulsen, die ihn erreichen. Ob sie nun von einer barocken Madonna ausgehen, oder von einem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen, von einem Panzerkreuzer aus dem Zweiten Weltkrieg oder einer gotische Kathedrale in Frankreich, von einem griechische Tempel auf Sizilien, von Kommissar Stephan Derrick (Horst Tappert) oder Papst Benedetto, von Leni Riefenstahl auf dem Reichsparteitag in Nürnberg 1934 oder von einem Gemüsebeet in Walleshausen. Er betrachtet all diese Anstöße skeptisch und genau, klärt historische Zusammenhänge und schnitzt - sofern die Objekte, Bilder und Themen einer längeren Beschäftigung standhalten - spezielle, sorgsam ausgewählte Vertreter einer Gattung liebevoll nach, bemalt und zerlegt sie sodann, um sie im letzten Schritt der Bearbeitung mit Schnüren wieder zusammen zu nähen. Kurz: Es ist eine übergreifende ästhetische Qualität, die die zunächst so heterogen wirkenden Themen und Motive miteinander verbindet, es sind die überraschenden Konstellationen, die sich immer wieder von neuem bei der Präsentation der Werke ergeben. Es geht nicht um Quantitäten, es geht nur um Gestalten und Formen und nicht zuletzt um Relationen. So verstanden ist die Kunst Peter Sauerers der Fehler im System, der auf das fehlerhafte System aufmerksam macht.

Andreas Bee



24.04.2010

Elfte NACHT DER MUSEEN in Frankfurt und Offenbach
Startschuss für die elfte NACHT DER MUSEEN.
Kulturdezernent Professor Dr. Felix Semmelroth freut sich auf die alljährliche Auftakt-Veranstaltung zum Kulturfrühling: "Die Nacht der Museen ist ein fester Termin im Frankfurter Kulturkalender. Museumsgänger, aber auch viele Besucher, die zum ersten Mal kommen, nutzen die Gelegenheit, die besondere kommunikative Atmosphäre und das eigens für diese Nacht zusammengestellte Kulturprogramm in den Museen zu genießen." "Damit es spannend bleibt, gibt es jedes Jahr Variationen, auch bei den Teilnehmern", erklärt der Kulturdezernent weiter. So sind in diesem Jahr erstmals das Bahnhofsviertel mit dem Atelierfrankfurt und seinen zahlreichen Galerien und Kultureinrichtungen dabei. So kann man etwa in der Diakoniekirche DON'T TAKE YOUR GUNS TO TWON von Peter Sauerer sehen und zum Poetry Slam gehen - ein Vorgeschmack auf das Festival literaTurm, das Ende Mai in Frankfurt stattfinden wird.



02.04.2010 10:00h

Diakoniegottesdienst mit Abendmahl
SCHWEIGE NICHT ZU MEINEN TRÄNEN
Diakoniepfarrer Dr. Michael Frase
Michael Berg, Orgel

 

 



01.04.2010 20:00 bis 22:00h

Nachtmahl
EINER UNTER EUCH WIRD MICH VERRATEN
Brot und Wein an einem Tisch
Gerald Hintze, Lesung





30.03.2010 19:00h

Filmabend:
IL VANGELO SECONDO MATTEO / DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS
136’, s/w, Italien 1964. Regie: Pier Paolo Pasolini. Buch: Pier Paolo Pasolini nach dem Matthäus-Evangelium. Musik: Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Sergej Prokofjew, Anton Webern, Luis Enriquez Bacalov. Mit E. Irazoqui, S. Pasolini, G. Agamben u.v.a.
Pier Paolo Pasolinis Verfilmung war der erste Versuch, die Lebensgeschichte Jesu in einer realistischen Form zu verfilmen. Er schuf damit ein Gegengewicht zu den pompösen Hollywood-Epen, die an den religiös menschlichen Aspekten des Neuen Testaments herzlich wenig interessiert waren und die biblische Vorlage als Geschichte für eine farbenfrohe Show missbrauchten. Pasolini wählte als Kulisse seines Films die karge Landschaft Süditaliens mit ihren ärmlichen Feldern und halbverfallenen Dörfern. Auch einen Großteil der dort ansässigen Bevölkerung bezog er in die Aufnahmen mit ein. Für die Rolle der Maria verpflichtete Pasolini seine eigene Mutter Susanna. Pasolinis Werk gewann auf den Filmfestspielen von Venedig 1964 den Preis der Jury.



26.03.2010 12:00h

Mittagsgebet
… UND SAH UNSER ELEND, UNSERE ANGST UND NOT
Paul Hindemith (1895-1963) aus der 2. Orgelsonate der 2. Satz: "Ruhig bewegt" (1937)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie

 



19.03.2010 12:00h

Mittagsgebet
VERGELTET NICHT BÖSES MIT BÖSEM, SONDERN SEGNET VIELMEHR
Léon Boëllmann (1862-97): aus der Suite gothique: "Prière à Notre Dame" in As-Dur (ED: 1895)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie



12.03.2010 12:00h

Mittagsgebet
WER BIST DU DENN, DASS DU DICH VOR MENSCHEN GEFÜRCHTET HAST
Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901): aus der 11. Orgelsonate d-moll op. 148: "Cantilene" (komp. am 11. IV. 1887)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie



05.03.2010 12:00h

Mittagsgebet
LEGT VON EUCH AB DEN ALTEN MENSCHEN MIT SEINEM FRÜHEREN WANDEL
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-47): Präludium c-moll: "Andante" (komp. 1841)
Michael Berg, Orgel / Gerald Hintze, Liturgie


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