Meldung im Detail

nächste Meldung >
< vorherige Meldung

Wohnraum muss gesichert sein, damit selbstständiges Leben gelingt...

01.12.2010
Diakonie für Frankfurt am Main, aktuell

Interview


Wohnen ist existenziell. Doch wenn die wirtschaftlichen Möglichkeiten gering sind, gestaltet sich die Suche nach einer passen den Wohnung schwierig. Ganz zu schweigen von der Finanzierung und sozialen Kontakten in der Nachbarschaft. Auch in Frankfurt leben Menschen in unsicheren Wohnverhältnissen, einige haben ihr Zuhause verloren. Der Evangelische Verein für Wohnraumhilfe in Frankfurt am Main e.V. hält ein umfassendes Hilfeangebot für sie bereit.
Ein Gespräch mit den Geschäftsführern Peter Schäfer und Heinz Gonther.

Herr Schäfer, Herr Gonther, seit wann gibt es den Evangelischen Verein für Wohnraumhilfe und welche Aufgaben hat er?

S: Der Evangelische Verein für Wohnraumhilfe wurde 1984 vom Evangelischen Regionalverband gegründet. Bis dato wurde die Arbeit der Wohnungslosenhilfe im Ansatz vom Diakonischen Werk organisiert. Für die Vereinsform gab es verschiedene rechtliche Gründe. Seitdem ist der Verein gemäß dem wachsenden Bedarf in Frankfurt erheblich in seinem Aufgabenfeld gewachsen. Heute haben wir im Wesentlichen drei große Aufgabenbereiche. Zunächst ist das die Zurverfügungstellung von Übergangsunterkünften und temporär zur Verfügung stehenden Wohnungen für einen Personenkreis von etwa 800 Personen. Dies geschieht im Wege der öffentlich-rechtlichen Einweisungen der Personen, um unmittelbar drohende Obdachlosigkeit zu verhindern.

Und die anderen Bereiche?

S: Der zweite ist das Betreute Wohnen für junge Erwachsene – ein sozialarbeiterisch sehr intensives Arbeitsfeld, in dem wir Menschen zwischen 18 und 25 Jahren betreuen mit einem Stellenschlüssel 1 : 6 . Wir stellen die Wohnung zur Verfügung für die Dauer der Betreuung und arbeiten auf der Grundlage einer Leistungsvereinbarung mit der Stadt Frankfurt.

G: Als drittes gibt es die „Zentrale Vermittlung von Unterkünften – ZVU“, ein Projekt, welches der Verein seit 1993 in gemeinsamer Organisation mit dem Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt am Main als eigene Abteilung betreibt. Jeder, der hier in Frankfurt außerhalb der stationären Bereiche wie etwa dem Übergangswohnhaus im WESER5 Diakoniezentrum unterzubringen ist, wird über dieses System vermittelt. Dazu haben wir eine Datenbank mit allen in Frage kommenden Unterkünften. Die unterschiedlichen Stellen des Sozialamtes rufen hier an, zum Beispiel wenn die Zwangsräumung einer Familie ansteht. Wir vermitteln dann sowohl in eigene Häuser, als auch in Häuser anderer Betreiber wie dem Rotem Kreuz oder dem Internationalen Bund. Hierüber gewinnen wir auch einen Überblick über die Gesamtsituation in Frankfurt – und zwar tagesgenau.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Detail? In der Presse war ja auch schon von Outsourcing die Rede, welches die Stadt hier betreibe...

G: Wir unterhalten ein Büro, in dem auch ein städtischer Mitarbeiter tätig ist, der die Abrechnung vornimmt. Nach ganz klaren vertraglichen Kriterien managen wir den Bereich für die Stadt Frankfurt. Der Begriff Outsourcing trifft weder die Form unserer Zusammenarbeit juristisch, noch die Qualität der Arbeit, die hier geleistet wird – vor allem im Vergleich zu vorher, als jedes Sozialrathaus auf eigene Faust die Pflicht der Stadt Frankfurt erfüllte, Obdachlose unterzubringen. Die jetzige Struktur gewährt einen Überblick und bietet Transparenz im Hinblick auf die Kosten. Erst mit dem Verein wurde ein zentrales Steuerungselement geschaffen, das erfolgreich der Stadt in den ersten Jahren eine jährliche Ersparnis in Millionenhöhe einbrachte, weil keine überteuerten Hotelplätze mehr angemietet werden mussten. Vorher wusste man zeitnah auch nicht genau, wie viel Geld die Stadt für die Unterbringung der Personen ausgibt. Die Ermittlung dieser Erkenntnisse benötigte zuvor immer einen langen Vorlauf, da zunächst alle Zahlen der einzelnen Organisationseinheiten zusammen getragen werden mussten.

Ein Wort zu den Kosten, die für die Arbeit heute anfallen...

S: Seit 1993 gibt es eine Vereinbarung, dass die tatsächlichen Kosten dieses Betriebes der ZVU auf die Übernachtungen umzulegen sind mit den monatlichen Abrechnungen. Sie bleiben im Schnitt immer unter einem Euro pro Übernachtung und Person. Die Verwaltungskosten würden in gleichem Maße auch bei der Stadt anfallen, es würde sie wahrscheinlich sogar teurer kommen, da strukturbedingt ganz andere Personalvorhaltungen machen müssten. Wir haben keine Gewinnmarge oder eine Umlage die wir vereinnahmen. Im letzten Jahr hatten wir im Bereich der Übergangsplätze die Situation, dass aufgrund von steigenden Energiekosten gegenüber der ursprünglichen Kalkulation nach zu verhandeln war.. Aber wir korrigieren auch nach unten, etwa die Energiepreise deutlich fallen würden. Nur die tatsächlichen Kosten des Betriebes werden dem Verein erstattet. Wenn ein Bewohner aufgrund eines vorhandenen eigenen Einkommens verpflichtet ist, sich an den Unterkunftskosten zu beteiligen, zahlt er nicht an uns, sondern an das Sozialamt. Unsere Betriebskosten werden jährlich durch eine Buchführung belegt und durch eine Wirtschaftsprüfung geprüft. Das System ist für die Stadt transparent und jederzeit prüfbar

Und wie kalkulieren sie heute die Kosten für ihre Wohnheimplätze?

G: Der Verein stellt um die 500 Plätze zur Verfügung - in unterschiedlichen Konstellationen. Wir unterhalten ein eigenes Haus und vier weitere Liegenschaften zu Mietkonditionen. Über all diese Objekte haben wir Verträge mit der Stadt Frankfurt. Die kalkulierten Kosten, die wir mit ihr der Stadt abrechnen, sind nur zu etwa einem Drittel Miete, bestehen ansonsten aus Umlagen, Strom, Wasser, Versicherung und so weiter, aber auch zum Beispiel aus Leerstands-Kosten. Wir müssen auch Wohnheimplätze vorhalten, selbst wenn im Sommer eventuell die Auslastung zurückgeht. Zudem möblieren wir diese Wohnungen komplett. Das bedeutet, dass jeder Platz über einen Standard verfügt, so dass jemand mit seiner wenigen persönlichen Habe direkt dorthin kommen und schlafen kann. Dazu brauchen wir Personal wie etwa Techniker, die konstruieren und reparieren. Nicht zuletzt entsteht Personalaufwand für die soziale Beratung zur Unterstützung zum Erhalt einer regulären Wohnung. Relativ hohe Unterhaltungskosten haben wir unter anderem auch dadurch, dass es im Jahr mehrere Neueinzüge in ein und dieselbe Wohnung gibt.

Und das wirkt sich dann auf den Zustand der Wohnungen aus...?

S: Die starke Fluktuation bedingt natürlich auch einen erhöhten Renovierungsaufwand. Zudem bedingt der vorübergehende Charakter der Nutzung häufig auch einen weniger achtsamen Umgang mit der Wohnung. Um den vertraglich definierten Standard bei Bezug des Zimmers zu halten, ist häufig mehr als nur eine „Nachbesserung“ des Renovierungszustandes erforderlich.

Wie sieht die aktuelle Situation in Frankfurt aus?

G: Im Moment können wir den tatsächlichen Bedarf nicht mehr tagesgenau decken. Um Spitzen abzufangen, müssen wir vereinzelt wieder mehr auf Hotels ausweichen, was aus sozialpolitischen Gründen eigentlich nicht gewollt ist. Der Bau von Sozialwohnungen ist in Frankfurt in den letzten Jahren beachtlich gesunken. Gleichzeitig fallen seit Jahren immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung heraus. Parallel dazu lesen wir, dass die Mietpreise wieder steigen. Es bleibt zu vermuten, dass es immer mehr Menschen geben wird, die sich das so nicht mehr leisten können. Unserer Beobachtung nach hat sich der Verlust von Wohnraum aus ökonomischen Gründen verstärkt.

Können Sie Beispiele nennen?

S: Die Leute sammeln Mietschulden an, werden rausgeklagt und landen dann in unserem System. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist Verarmung durch Jobverlust, der in etlichen Fällen auch nicht das einzige Problem bleibt. Nach Jobverlust und Wegfall des Einkommens gerät das Familiensystem ins Wanken, Beziehungen können zerbrechen, in Einzelfällen kommt es zu häuslicher Gewalt.

Wie sieht es mit der Verweildauer in der Übergangswohnung aus?

S: Im Schnitt beträgt sie ein halbes bis ein dreiviertel Jahr. Wesentlich ist aber immer die Frage: Wie ist der Wohnungsmarkt momentan aufgestellt und welche Zugänge haben die Leute? Es gibt bei dem Personenkreis ja viele Negativkriterien in dieser Hinsicht, etwa Schulden – aber auch eine andere Hautfarbe oder fünf Kinder gehören leider oftmals dazu. In dieser Hinsicht sind die Voraussetzungen sehr unterschiedlich. Und daran gekoppelt ist auch die individuelle Aufenthaltsdauer in der Übergangsunterkunft.

G: Das Problem ist der immer größer werdende Bedarf an Wohnraum, der entsteht, weil die Haushalte sich verkleinern. In weniger als einem Viertel der Frankfurter Haushalte leben Kinder, 51 Prozent sind Alleinstehende. Die Wohnungsstruktur dagegen stimmt mit diesem Bedarf nicht mehr überein. Bei zusätzlichem Wohnraum handelt es sich größtenteils um frei finanzierte Flächen. Da sind dann Marktmieten zu zahlen, die ein entsprechendes Einkommen erfordern, um an diesem Wohnungsmarkt teilzunehmen. Menschen in den unteren Einkommensbereichen haben in Zukunft immer weniger Chancen, wieder in eigenen Wohnraum zu kommen.

Können Sie noch einige Worte zum Betreuten Wohnen für junge Erwachsene sagen...?

G: Wir halten 36 Plätze für junge Menschen vor, die erhebliche Probleme zu Hause und in punkto Schulbildung haben und unter Umständen schon Jugendhilfemaßnahmen hinter sich haben. Häufig haben sie auch Probleme mit ihrem Lebensstil. Dazu gehört der Konsum von Drogen oder Alkohol. Es sind Personen, die nach Einschätzung des Sozialamtes nur mit intensiver Betreuung auf einen Level gebracht werden können, dass sie sich in Zukunft selbst helfen können.

S: Wenn das Sozialamt jemanden für eine solche Betreuung benennt, geschieht es weil die Hoffnung besteht, mit ein wenig mehr Betreuung bekommt er das hin. Wir nehmen die jungen Menschen dann über ein oder zwei Jahre betreuend an die Hand, entwickeln zunächst gemeinsam mit dem Sozialamt einen Hilfeplan, der Fragen beinhaltet wie: Wo willst Du am Jahresende sein? Manche möchten einen Hauptschulabschluss nachholen oder einen weiter gehenden Abschluss machen, einen Ausbildungsplatz oder einen Job finden. Und in der Lage sein, einen Haushalt eigenständig zu führen. Das Betreute Wohnen für junge Erwachsene ist eine freiwillige Leistung der Stadt Frankfurt, also nicht durch die Sozialgesetze vorgegeben. Wir begrüßen es sehr, dass die Stadt Frankfurt dieses Betreuungsangebot nicht kürzen wird.