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DANN WAR ICH AUF DER STRASSE

„Also, ich wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass ich einmal auf der Straße lande. Ich hab eine Frau kennen gelernt, die hat auch viel getrunken. Ich hab da mitgezogen. Eine Kiste Bier am Tag. Dadurch habe ich dann später die Arbeit verloren. Ich hatte einen guten Beruf, ich habe 18 Jahre als Elektriker im öffentlichen Dienst gearbeitet. Ich habe eine Lehre als Kraftfahrzeugelektriker gemacht, war 2 Jahre bei der Bundeswehr. Ich habe damals sehr gut verdient. Ich war auch früher in der Gewerkschaft drin, ÖTV. Ich hab dann mit der Frau gelebt. Da die Wohnung meiner richtigen Frau gehört hat, hat sie mich rausgeworfen. Das war viel Stress. Dann war ich auf der Straße.

Die Heirat, das war eben damals, weil das Kind kam, eine Tochter, die ist jetzt 12. Hin und wieder sehe ich sie. Sie weiß halt nicht, dass ich jetzt auf der Straße bin. Die denkt, ich bin auf Montage, darum kann ich nicht so oft kommen. Meine Frau weiß halt nur, dass ich nicht zahlungsfähig bin.
Irgendwann bin ich nach München und habe da als Drücker gearbeitet. Dann war ich in Siegen und habe als Schausteller gearbeitet. Letzten Sommer habe ich beim Zirkus gearbeitet. Ich hab immer versucht zu arbeiten. Früher war ich in Spanien, Florida, ich war in Rumänien, ich war in Jugoslawien.

Ja, ich habe auch schon mal gesessen - wegen Schwarzfahren. In Frankfurt bewege ich mich ungern deshalb. Weil ich da Haftbefehle kriege, die schon 2 Jahre her sind. Ich habe auch schon mal irgendwo so Kleinigkeiten mitgenommen. Aber so richtig einbrechen oder so, nein. Wenn ich da unten lang gehe, und es erkennt mich einer, dann sagt er, he Falko. Ich brauche was vom Plus. Die haben alle Hausverbot da. Ich hatte mal eine Woche nichts gegessen. Dann bin ich in ein Lokal gegangen und hab mir einfach ein Schnitzel bestellt, ein Schnitzel und ein Bier, und wollte dann abhauen. Da bin ich verhaftet worden.

Schulden habe ich, Unterhaltsschulden, 36.000 Mark. Solange ich keine normale Arbeit habe, kann ich nichts zahlen. Als ich bei meiner Frau rausgeflogen bin, habe ich sofort Platte gemacht. Das wurden dann 10 Jahre. In manchen Obdachlosenheimen muss man seine Schuhe festbinden. Von meiner Mutter habe ich keine Unterstützung bekommen, von meinem Bruder auch nicht, obwohl die Geld haben, die haben mich einfach ignoriert. Ich habe auch schon gebettelt. Direkt an Weihnachten war das, am Weihnachtsmarkt. Da ist meine Mutter an mir vorbei gegangen und guckt mir noch ins Gesicht und geht weiter. Ich weiß gar nicht, ob die noch lebt.

Manche Obdachlose fragen die Leute auf der Straße, haben Sie mal paar Mark. So was mach ich nicht, das kann ich nicht. Ich habe mich einfach hingesetzt. Hab mein Schälchen hingestellt. Ich spreche die Leute nicht an. Das konnte ich aber auch nur, mich dahinsetzen, wenn ich vorher was getrunken habe.

In Frankfurt ist das Gute, dass es Stellen gibt, wo man essen gehen kann. Das kostet so 1 Euro zehn. Oder man geht in die Bahnhofsmission. Das Essen ist mal so mal so. Ist ja meistens, was die Geschäfte so abgeben. Die Baguettes und sowas, das sind ja die Sachen vom Vortag, die nicht mehr verkauft werden können, was sie von den Geschäftsleuten kriegen. Ich esse am liebsten Nudeln. Hungern muss ein Obdachloser heute nicht, aber richtig satt essen kann er sich auch nicht.

Ich habe jetzt einen Wohnwagen für mich allein, direkt neben dem Gemeindehaus, da kann ich kochen. Mit einer Frau kann man da nicht leben. Aber mitbringen kann man schon mal jemanden. Wir haben einen Schlüssel fürs Gemeindehaus, dass wir da auf Toilette gehen können und wenn ich duschen will, dann gehe ich in die Weserstraße.
Sehr viele gibt’s, die extrem viel Alkohol trinken und die dann sagen, ich leb jetzt so und fertig. Ich will gar nicht mehr. Es sind auch viele zu faul - das ist meine Meinung- sich anzustrengen, dass sie aus dem ganzen Kram wieder rauskommen.

Wenn man draußen Platte macht und man hat seine Sachen nicht gut versteckt, fehlt die Hälfte. Oder ist kaputt gemacht. Es ist auf alle Fälle besser, man ist zu zweit. Richtige Freundschaften, da sage ich nein. Kumpel, Kameradschaft ja.

Ich glaube nicht mehr, dass ich noch arbeiten gehen kann. Das ist bei mir halt extrem. Ich bin 43 Jahre. Die Ärzte meinen, ich bin vorgealtert. Ich hab zwei Schlaganfälle hinter mir, den Arm können Sie vergessen. Ich war bei der Straßenambulanz. Beim Röntgen haben sie einen Fleck entdeckt, in der Lunge drin, dann einen Tumor.

Ich will auch wieder arbeiten. Ich habe zum Beispiel bei der Eintracht im Stadion sauber gemacht. Vier Stunden. Da habe ich was zu tun. Dass ich meistens nichts zu tun habe, dass ist ein Problem. Dann mache ich Rätsel. Ich hätte gern mal irgendwo Fernsehen geguckt, Fußball oder so. Und die Nachrichten. Man kriegt nix mit. Wählen? Ich kriege ja gar keine Wahlbenachrichtigung.

Was ich ungerecht finde, wenn man abends einfach mal durch den Bahnhof geht, ohne jemanden anzusprechen, dann kommen die blauen Männchen da und schmeißen einen raus. Ich habe auf dem Vorplatz vom Bahnhof gestanden, ganz allein, war keine Meute da, und habe da eine Dose Bier getrunken. Dafür habe ich ein Bahnhofsverbot von einem Jahr gekriegt.
Wieder ein normales Leben führen, meine Tochter auf alle Fälle öfter sehen, das würde ich mir wünschen. Unter „glücklich“ verstehe ich Arbeit. Aber wie will jemand, der auf der Straße ist, ohne Wohnung jemals wieder arbeiten gehen? Man muss betteln in dem Moment. Denn von dem Geld, was es vom Sozialamt gibt, das langt niemals aus. Es ist alles teurer, wenn man wenn man auf der Straße ist und von der Hand in den Mund leben muss.

Ich habe ja keine Familie mehr. Ich habe meine Tochter, das ist alles. Ich denke mir halt so, was soll’s. Dann kann ich eben jetzt noch ein bisschen leben. Man hat schon mal den Gedanken gehabt, was soll der Scheiß, man hat aber nicht den Mut dazu. Wieweit der Krebs ausgestrahlt hat, das haben sie nur durch die Blume gesagt. Ich möchte auch niemals ein Pflegefall werden. Ich kenne das. Meine Oma hatte auch Krebs. Ging fit ins Krankenhaus und kam als Pflegefall wieder raus. Sie hat noch Glück gehabt. Sie hatte die Familie. Sie konnte zuhause sterben, und das ist ja bei mir nicht mehr drin.“

Aus einer Reportage von Burkhard Brunn. Erschienen im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, 6. September 2002 unter dem Titel: „Ohne Wohnen. Gespräche mit Obdachlosen an einem Ort der Barmherzigkeit“.
Falko ist im Sommer 2004 gestorben.

MIT ZWANZIG IN DER GOSSE
Immer jünger: Viele Obdachlose haben nie im bürgerlichen Leben Fuß gefasst

Von Cornelia von Wrangel
erschienen in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. September 2004


Seine Mutter war siebzehn, als sie ihn auf die Welt brachte. In Kopenhagen, weil der Vater Däne ist. Aber es hätte auch anderswo sein können. Sie haben sich noch während der Schwangerschaft getrennt. Mit zwölf war Sascha zum ersten Mal in einer Jugendhilfeeinrichtung. Denn zu Hause zog etwa alle halbe Jahre ein neuer Partner der Mutter ein. In der betreuten Wohngruppe waren sie zu sechst oder siebt. So genau weiß Sascha das nicht mehr. Aber daß er dort kriminell wurde: "Wir haben's mit Autos gemacht, sie in Flensburg geklaut, nach Berlin gefahren und dort an Polen verkauft." Mit zwölf, um Geld für Drogen zu haben. "Wir haben nur gekifft."

Nach der Autoschieberei ist er zur Mutter zurück. Es klappte nicht, aus den gleichen Gründen. Außerdem machte die Mutter nun eine Ausbildung - zur Buchhändlerin -, war den ganzen Tag weg. Das Jugendamt schickte ihn erst in eine Einrichtung in Flensburg, dann aufs Dorf, weit weg von allem. Dort aber wurde "Erlebnispädagogik zur See" geboten. "Es war der schönste Abschnitt meines Lebens", sagt Sascha. Sie mußten einen Motorsegler in Schuß halten, schipperten auf der Schlei herum. Vier Jugendliche in einer Gruppe, drei Pädagogen, von denen zwei ständig im Haus wohnten: "Das war wie in einer Pflegefamilie."

"Nee, du endest nicht so"

Sascha ist heute knapp 22 Jahre alt und arbeitet in einem Tagestreffpunkt für Obdachlose im Frankfurter Bahnhofsviertel. Von zehn bis siebzehn Uhr. "So gewöhne ich mich wieder ans Arbeiten", sagt er. Und er sieht, daß es anderen noch dreckiger geht als ihm. Denn ganz unten, auf der Straße, da war Sascha auch. Nachdem der schönste Abschnitt seines Lebens mit dem Realschulabschluß zu Ende war, ging es Schritt für Schritt bergab. Aller Erlebnispädagogik zum Trotz. Mit sechzehn zog er in seine erste Wohnung, das Jugendamt bezahlte sie. "Ich habe mich nicht gekümmert, andauernd Partys." Er verlor die Bleibe, kam bei einem Freund unter, kiffte, jobbte sich durch. Bis er eines Sonntag morgens zur inzwischen verheirateten Mutter nach Frankfurt fuhr.

Die Vereinbarung lautete: Er bemüht sich um eine Ausbildungsstelle, sie läßt ihn dafür bei sich und ihrem Mann wohnen. "Wir haben die Vergangenheit einfach ausgeklammert." Er fand eine Lehrstelle, zerstritt sich mit dem Chef, kündigte. Der Stiefvater warf ihn raus. Notunterkunft "sleep in", Männerwohnheim am Bahnhof. "Ich habe gesoffen wie ein Loch", sagt Sascha. Nur gehen lassen habe er sich nicht. Ungepflegtheit paßt nicht mit seiner Eitelkeit zusammen: "Nee, du bist nicht so wie die anderen", hat er sich gesagt und: "Nee, du endest nicht so."

Viele Saschas

Mit Anfang zwanzig in der "Gosse": Es gibt viele Saschas. Immer mehr Jugendliche landen dort. Ein Viertel der etwa 400000 Wohnsitzlosen in Deutschland ist mittlerweile jünger als 28 Jahre. Das Durchschnittsalter insgesamt liegt nur zehn Jahre höher. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Bielefelder Gesellschaft für Organisation und Entscheidung. Im Auftrag der Evangelischen Obdachlosenhilfe hatten die Bielefelder ausgewertet, was Mitarbeiter von 150 der 364 Diakonie-Obdachlosen-Einrichtungen bei 1709 Personen erfragt hatten, von Dresden bis Detmold, von Berlin bis Bonn.

Renate Lutz ist die Leiterin des Diakoniezentrums "Weser5" in Frankfurt, zu dem auch der Tagestreffpunkt gehört, in dem Sascha arbeitet, mit Wohnsitzlosen Tischtennis oder Schach spielt, sich kümmert. Zwischen Banken und Bahnhof schickt es Straßensozialarbeiter aus, vereint zudem eine Beratungsstelle, Notübernachtungsbetten und ein Übergangswohnheim unter seinem Dach. Im Übergangswohnheim gibt es eine Jugendetage, die aber nur vier Einzelzimmer hat. Bis zu zwei Jahre können ihre Bewohner dort bleiben. "Wir müssen darüber nachdenken, das Angebot für junge Leute auszuweiten", lautete für Renate Lutz eine Konsequenz bei der Vorstellung der Studie im Juli. "Wir arbeiten immer mehr mit Achtzehnjährigen", sagt sie. Minderjährige nimmt die Einrichtung nicht auf. Vor drei, vier Jahren habe es begonnen.

Eine andere Vita

Das Zeitalter des "klassischen Penners" scheint sich allmählich dem Ende zuzuneigen, auch wenn es sie natürlich noch gibt, beladen mit Plastiktüten in den Eingängen der Kaufhäuser. Ein Großteil ihres "Nachwuchses" hat jedoch eine andere Vita, ist nicht am bürgerlichen Leben gescheitert, wie die meisten "Penner", weil erst der Alkohol da war, dann die Frau weg, danach der Job und schließlich die Wohnung. Oder erst war die Frau weg, dann kam die Pulle. Die Reihenfolge kann sich ändern. Viele der Jungen aber kommen im bürgerlichen Leben erst gar nicht an. Obwohl sie es versuchen. Sie schaffen es nicht, denn ihre Biographien wurden schon viel früher gebrochen. Wie bei Sascha, der in Wirklichkeit einen anderen Namen hat.

Suchtprobleme in der Familie, Alkohol, Drogen; getrennte Eltern, gestörtes Verhältnis zu einem Elternteil, meistens zum Vater; Lernschwierigkeiten in der Schule, die oft nicht beendet wird; mit viel Glück eine Ausbildung, die nach kurzer Zeit wegen Überforderung auch abgebrochen wird: Renate Lutz zählt das Typische an den "Karrieren" der neuen Obdachlosen-Generation auf. Sie gibt es überall in Deutschland. Dann der Wunsch, den beengten Wohnverhältnisse zu entfliehen. Sei es dem Heim oder dem Zuhause, das keines ist. Am liebsten in eine große Stadt. Die Selbständigkeit und der Mut haben jedoch ihren Preis. Das Zimmer kann nicht bezahlt werden. Räumungsklage, die Schuldenspirale beginnt sich zu drehen. Nicht beglichene Mieten und Handy-Kosten. Der Weg auf die Straße ist kurz. Wie zu den Drogen.

Immer jünger und kränker

Funktioniert die Jugendhilfe nicht? Renate Lutz spricht sie frei. Jugendhilfe könne nicht alles auffangen, was in den Familien schiefgegangen sei. Die Leiterin der "Weser5" sieht eher ein gesellschaftliches Problem, mit dem auch Kindergärten und Schulen nicht umzugehen wüßten. Zumal sie unter den Obdachlosen, den jungen wie den alten, neben anderen Krankheiten mehr psychische Auffälligkeiten registriert, Aggressionen etwa oder Wahrnehmungsverlust. Die Wohnungslosen werden immer jünger und kränker, hat auch die Bielefelder Studie herausgefunden.

Bei Jungs ist die Obdachlosigkeit sichtbarer, bei Mädchen die Dunkelziffer höher. Sie schlupfen oft bei einem Freund unter, prostituieren sich. Ein paar Blocks weiter von der "Weser5" kennt man die Mädchen: Sie sind die Straßenkinder des Bahnhofsviertels. Hier, an der Niddastraße, haben die "walkmen - streetwork Bahnhof" ihr Büro, eine Einrichtung der kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Die "walkmen" streifen durch die Gegend, machen "Hausbesuche auf der Straße". Sie ist das "Wohnzimmer" der "Kiddys", sagt Petra Bender-Seyda. Nach Angaben der Sozialarbeiterin kümmern sich die "walkmen" im Jahr um 80 Jugendliche: Meist Mädchen zwischen dreizehn und siebzehn, viele wurden sexuell mißbraucht, flohen vor Gewalt in Familie oder auch in Pflegefamilie, hauten aus Heimen, Psychiatrien oder Wohngruppen ab. "Die wollen nichts mehr mit Erwachsenen zu tun haben", weiß Bender-Seyda, die mit ihren Kollegen versucht, den Mädchen zu beweisen, "daß auch sie es wert sind, ein gutes Leben zu führen".

"zu früh erwachsen geworden"

Je länger sie auf der Straße leben, desto schwieriger sei es, sie davon wegzukriegen, sagt die Sozialarbeiterin weiter. Weil ihre Träume und Hoffnungen zerstoben. Die Straße im Bahnhofsviertel, das heißt: Ein Freier spricht sie an, sie sagt okay, erstickt ihren Selbstekel mit Drogen. Oder ein falscher Samariter nimmt sie zu sich, verlangt irgendwann die Gegenleistung. Platte machen, bei Freiern oder Bekannten schlafen. Ist die nächste Stufe die erwachsene Obdachlosen-Szene? "Wenn sie keine passende Hilfe bekommen, bleiben sie auf der Straße kleben", sagt Bender-Seyda. Aber die Chancen seien relativ gut, die "walkmen" hätten viele Rückmeldungen von Frauen, die den Ausstieg geschafft haben.
Sascha ist auch auf dem Weg, es zu packen. Er will jetzt aufs Abendgymnasium. "Ich war ein Schlüsselkind", sagt er, "bin zu früh erwachsen geworden." Es war das falsche Erwachsensein.

EIN TAG IM WESER5 TAGESTREFF

"Groß oder klein?" Zwei müde Augen schauen auf einen Tisch mit Kaffeetassen. "Hier bekommst ´ne Große, lebst ja auf großem Fuß." Grinsend hält Kalle dem Besucher eine dampfende Tasse Kaffee vor die Nase. Der dunkelhaarige Mann in schmutzigem Pulli schlurft zu einem der Tische in dem etwa 120 Quadratmeter großen Raum mit Küchenzeile. Es ist 10 Uhr an einem Dienstag morgen. Acht Männer sitzen im Diakoniezentrum Weser 5, dem Frankfurter Treff für Obdachlose und Sozialhilfeempfänger nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Drei von ihnen spielen Karten, einer hört Walkman, ein anderer schläft über den Tisch gebeugt. Die übrigen starren rauchend an die gelben Wände, vor denen zwei Regale mit Büchern stehen.

Auch Carsten H. - von allen nur "Kalle" genannt - ist Sozialhilfeempfänger. Seit Mai schenkt der gebürtige Berliner, der selbst obdachlos war, Kaffee im Tagestreff aus. Dort finden sich durchschnittlich 87 Männer und Frauen am Tag ein, um zu essen, zu schlafen und zu duschen oder einfach nur um Gesellschaft zu haben. "Ich behandele alle gleich", sagt Kalle, "egal ob sie 'nen Anzug tragen oder obdachlos sind". Er selbst habe erst sechs Wochen Strafe wegen Ladendiebstahls abgeleistet und dann hier weitergearbeitet, erzählt der 34-Jährige. Da er Sozialhilfe erhalte, dürfe er nur 80 Stunden im Monat arbeiten. "Ich komme aber trotzdem fünf mal die Woche und arbeite für 1,50 die Stunde", erzählt er. Nach seinem Hauptschulabschluss habe er ein Lehre als Elektroinstallateur angefangen und abgebrochen. "Dann hat mich meine Mutter rausgeschmissen." Nachdem er sieben Jahre als Schausteller gearbeitet habe, sei er in Stuttgart mit einer Frau zusammengezogen. Kalle hebt den riesigen Topf mit Kaffee an. Als er feststellt, dass dieser zur Neige geht, füllt er den Rest in Thermoskannen um. "Ich lasse gleich neuen kochen, damit die Leute nicht plötzlich ohne Kaffee dastehen." Er habe eine Umschulung zum Lackierer gemacht und sei dann Vater geworden, erzählt er weiter. Dann habe ihn seine Freundin jedoch auf die Straße gesetzt, weil sie einen anderen kennen gelernt habe.

Sein Blick fällt auf eine Frau in weißen Turnschuhen und verwaschener Dauerwelle. "Kalle, ich lös dich mal ab", sagt Heike M. mit rauchiger Stimme. Sie stellt die schmutzigen Tassen zusammen. "Ich arbeite seit einem Jahr in der Waschküche", erzählt die Sozialhilfeempfängerin. "Ich wasche die Bettwäsche, die für die den Schlafraum gebraucht wird." Sie hustet. In ihrer Lunge poltert es. "Hier bei den Leuten fühle ich mich wohl, die haben selbst alle Platte hinter sich." Sie küsst einen jungen Mann mit kurzen Haaren und roter Sportjacke, der sich zu einer Gruppe Männern an den Tisch setzt. Ihr Freund, 24 Jahre alt, ohne Ausbildung, lebt auf der Straße. Genauso wie ihr ebenfalls 24 Jahre alter Sohn. Sie selbst habe begonnen, auf der Straße zu leben, weil sie sich nach 16 Jahren Ehe in einen Obdachlosen verliebt habe. "Habe dann angefangen, am Hauptbahnhof zu schlafen", erzählt die 44-Jährige. "Insgesamt war ich zehn Jahre lang auf der Gasse." Vor fünf Monaten sei sie endlich in eine Zwei-Zimmerwohnung gezogen. Kalle steht draußen vor dem Eingang an der Gutleutstraße und raucht eine Zigarette. "Hier ist jeden Freitag eine riesige Schlange, wenn es Lebensmittel von der Frankfurter Tafel gibt", erzählt er. Er drückt seine Zigarette aus und holt sich bei dem Küchenchef, ebenfalls ein ehemaliger Wohnsitzloser, eine Tüte Milch.

Nachdem er die Kanne im Aufenthaltsraum aufgefüllt hat, greift er zu einem Paket Zucker und lässt ihn langsam in eine Porzellanschüssel rieseln. Dabei hat er immer seine Kundschaft im Blick. Einer von den Männern geht in den Nebenraum. Dort schlafen vier Obdachlose in roten Strandkörben, die ein Berliner Designer für den Tagestreff angefertigt hat. Kalle beobachtet eine Frau mittleren Alters, mit kurzen Haaren, die ein Buch in der Hand hält. "Ich helfe auch ab und zu hier aus", nuschelt die Sozialhilfeempfängerin, die in einem Container im Ostpark nächtigt. Neben ihr steht eine Reisetasche, aus der sie ein abgegriffenes Foto herausholt. Darauf planscht ein pausbackiges Mädchen im Swimmingpool. "Meine Tochter", erzählt sie stolz, "die gehe ich alle zwei Wochen besuchen". Die 14-Jährige wohne in einem Kinderheim, da ihr Vater sie sexuell belästigt habe. " Ich schaue mir das Bild oft an", sagt sie nüchtern, "deshalb gucke ich immer so traurig".
An den Tischen ist es inzwischen deutlich voller geworden. Jedes Mal, wenn ein neuer Besucher kommt, begrüßt Kalle ihn freundlich. Hin und wieder holt er frische Tassen aus der Küche. "Mein Job macht mir Spaß", sagt er. Und: "Im Moment bin ich wunschlos glücklich." Mit seiner Einzimmer-Wohnung, die das Sozialamt zahlt, 327 Euro Stütze und 120 Euro Lohn komme er zurecht. Dann überlegt eine Weile: "Na ja, ein bisschen mehr Geld wäre schon gut, dann könnte ich meine Tochter öfters besuchen."

Frankfurter Rundschau, 27. Dezember 2004

ANDEREN HELFEN IST GANZ NORMAL

SamariterDie biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter ist zu einer Parabel für Hilfsbereitschaft schlechthin geworden. Viele Dichter und Maler, hier zum Beispiel Vincent van Gogh, haben sie neu erzählt: Ein Mann wird ausgeraubt und bleibt schwer verletzt am Straßenrand liegen. Ein Priester und ein religiöser Mann gehen vorbei, ohne ihm zu helfen. Ein Samariter, ein Fremder also, der zufällig vorbei kommt, nimmt ihn mit und bringt ihn in eine Herberge. Dem Wirt gibt er Geld, damit er den Verletzten gesund pflegt. Der Samariter wird oft als Vorbild gesehen - so selbstlos wie er sollen auch wir anderen helfen. Jesus will aber auch noch etwas anderes sagen. Er erzählt die Geschichte nämlich, weil ein Mann ihn fragt: Wer ist denn mein Nächster? Die Antwort: Nicht unsere Freunde, unsere Verwandten, unsere Glaubensgenossen sind unsere Nächsten, jedenfalls nicht automatisch. Sondern diejenigen, die uns helfen, wenn wir Hilfe brauchen.

Menschen brauchen Hilfe. Ohne Zuwendung kann niemand überleben. Jeder kann einmal krank werden, einen Unfall haben, die Stelle gekündigt bekommen oder die Wohnung verlieren. Was aber bringt uns dazu, anderen in Not zu helfen?

Das Gesetz, die Moral, die Religion, die Gene - oder einfach die Vernunft?
Wahrscheinlich eine Mischung von allem. Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass die Hilfe für andere ein Gebot Gottes ist. "Brich dem Hungrigen dein Brot" heißt es schon unmissverständlich in der Hebräischen Bibel der Juden, die als Altes Testament auch für die Christen verbindlich ist. Zahlreich sind die Gebote, die sicherstellen sollen, dass Arme, Ausländer, Kranke und andere Bedürftige in Würde leben können. All diese einzelnen Hilfsgebote sind in einem zentralen Satz zusammengefasst, der das höchste Gebot im Christentum ist: "Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von allen Kräften, und deinen Nächsten wie dich selbst." Und ein Jesus-Wort wurde zur Begründung der christlichen Hilfsbereitschaft schlechthin: "Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." Diakonie, also Hilfe für andere Menschen, und Verkündigung, also Gottesdienst und Theologie, gehören seither für Christinnen und Christen untrennbar zusammen. Im Islam ist die Armensteuer - neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, dem Fasten und der Pilgerfahrt - eine von fünf Pflichten, die jeder Gläubige erfüllen muss. Ähnlich wie im Judentum ist das Spenden und Helfen kein Gnadenakt der Reichen, sondern ein Rechtsanspruch der Armen. Es ist Geld, das ihnen zusteht.

Auch Hinduismus und Buddhismus kennen die Hilfe für andere als Ausdruck von Religiosität, obwohl es hier keinen obersten Gott gibt, der das befiehlt.
Vielmehr ist die Hilfe für andere ein sichtbares Zeichen, dass alle Menschen untereinander verbunden sind: Was anderen schadet, das schadet auch mir.

Mildtätigkeit ist daher neben Bildung, Entsagung und Wahrheitsliebe ein wichtiger Pfeiler der hinduistischen Kultur. Zudem geht man davon aus, dass Menschen wiedergeboren werden, daher kann das rechte Spenden und Helfen auch im nächsten Leben nützlich sein. Im Buddhismus gelten Geiz und Gier als einer von drei Gründen für das Leid auf der Welt - die anderen beiden sind Unwissenheit und Hass. Auch hier knüpfen sich daran zahlreiche Regeln, wie und wo anderen zu helfen ist.

Egal ob Kirchen, Synagogen, Moscheen oder Tempel und Klöster - fast überall auf der Welt haben sich an den Orten institutionalisierter Religiosität Hilfsangebote für Arme, Obdachlose, Kranke und Ausländer angesiedelt. Dass die Einzelnen ihrer Pflicht zum Helfen tatsächlich nachkommen, wird von der religiösen Gemeinschaft gewissermaßen "überwacht". Wer anderen nicht hilft, muss mit Strafen rechnen - angefangen bei sozialer Ächtung bis hin zu Androhungen wie der Hölle oder einem schlechten Karma im nächsten Leben.

Was aber, wenn die Menschen nicht mehr glauben? Wenn sie vor der Hölle oder dem nächsten Leben keine Angst mehr haben und deshalb egoistisch werden? Wenn man die Leute machen ließe, was sie wollen, dann drohe ein "Krieg jeder gegen jeden", glaubte der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert und begründete so die Notwendigkeit eines starken Staates mit Gesetz und Polizei.

Sein Kollege Immanuel Kant war da ein Jahrhundert später optimistischer. Er meinte, dass die Menschen von selbst hilfsbereit wären - weil das nämlich vernünftig ist. "Handle stets so, dass die Grundlage deines Handelns ein allgemeines Gesetz sein könnte" lautete sein "kategorischer Imperativ", also ein Befehl, der keinen anderen Ursprung braucht als die reine Vernunft. Ein religiöses Gebot oder staatlicher Zwang, so der Philosoph der Aufklärung, seien gar nicht nötig. Denn weil jeder einmal in die Lage kommen kann, Hilfe zu brauchen, wird jeder vernünftige Mensch auch selbst hilfsbereit sein.

Neuere naturwissenschaftliche Forschungen geben ihm sogar Recht: Die natürlichen biologischen Impulse, haben etwa Biologen herausgefunden, seien so gesetzt, dass man spontan helfen möchte, wenn man die Not anderer sieht.
Es wäre also nicht die Natur, die Menschen egoistisch macht, sondern eher die Kultur. Zum Beispiel, wenn sie in einer Gesellschaft leben, wo wirtschaftlicher Erfolg mehr Ansehen verspricht als Hilfsbereitschaft.

Antje Schrupp
Evangelisches Frankfurt: Dezember 2004 • 28. Jahrgang • Nr. 7, Seite 3

KUNST SOLL DEN BLICK AUF OBDACHLOSENHILFE VERÄNDERN

Die Frankfurterin Christiana Protto hat den Zaun der Diakoniekirche Weißfrauen im Bahnhofsviertel mit weißen Platten verhängt

Von Annette Wollenhaupt

Weiße PlattenBahnhofsviertel • 30 große weiße Holzplatten, jede einzelne zum Rund gesägt, hat die Künstlerin Christiana Protto entlang des Metallzauns um die Diakoniekirche Weißfrauen befestigt. Die Rauminstallation "Hortus" soll einen neuen Blick auf die Anlaufstelle für Obdachlose ermöglichen.
Wie Perlen reihen sich die 30 runden weiß bemalten Holzplatten aneinander. Wenn die Sonne scheint, leuchten die reflektierenden Scheiben. Zugleich sind sie Sichtschutz. Man muss nahe an sie herantreten um die obdachlosen Männer und Frauen, junge wie alte, dahinter zu entdecken. Im Lauf der Zeit ist dort ein "wildes Café" entstanden.
Sie sitzen im Schatten der Bäume und Sträucher, dösen, reden miteinander. Nicht jeder Obdachlose, der sich in dem Diakoniezentrum WESER5 seine Wäsche waschen lässt, in die Badewanne steigt oder etwas zu essen bekommt, kann etwas anfangen mit dem Kunstwerk. "Ich halte davon nichts", sagt ein junger Mann mit rot gefärbtem Punkerhaar, er krault seinen Hund. "Das ist doch nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme."
Ein älterer Herr sitzt vornübergebeugt auf der Bank. Er hebt die rechte Hand, lässt sie wie in Zeitlupe waagerecht durch die Luft gleiten. Nein, nach einem Kommentar ist ihm nicht.

Rasputin Salkovic, der aus Montenegro stammt, eine eigene Wohnung hat, den Tagestreff jedoch regelmäßig besucht, ist hingegen offensichtlich angetan von Prottos Projekt, zumindest schraubte er eine runde Platte nach der anderen fest. Eine Hilfe, für die Christiana Protto ihm sehr dankbar ist. Die Ökumenische Schreinerwerkstatt hat die Platten mit Hilfe weiterer Besucher des Tagestreffs ausgeschnitten. Beim Streichen der Platten haben ebenfalls einzelne Stammbesucher geholfen.
Salko will seinen Familiennamen lieber nicht nennen. Er stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. An dem Kunstwerk hat er zwar nicht mitgeholfen, doch ist er gerade dabei, die Fassade des Nachbarhauses rund um das Schaufenster der Sozialen Beratungsstelle von WESER5 zu streichen. Der Mann mit der sonnengegerbten Haut wohnt im angeschlossenen Wohnheim, lebte zuvor an der Hauptwache, hatte dort "eine ganz gute Platte", wie er sagt.

"Ganz früher hatte ich ein Haus, mehrere Autos", erzählt er. Dann sei vieles schiefgegangen, er habe entscheidende Fehler gemacht, sei auf die schiefe Bahn geraten. Ob er denn bei seinem handwerklichen Talent beruflich nicht doch wieder Fuß fassen könne? "Es ist so, als wenn man dir einen Eimer Farbe überschüttet - du wirst die Farbe niemals wirklich wieder ganz abbekommen." Ihm ist es wichtig, das das Gelände an der Ecke Gutleut -/ Weserstraße optisch aufgewertet wird. Nur, dass es ausgerechnet Weiß als Farbe sein musste, hatte ihm anfangs nicht eingeleuchtet.

Mittlerweile weiß er, dass Christiana Protto dem Gelände wohlüberlegt etwas "Sauberes, Propperes" hinzufügen wollte. "Es wirkte alles so traurig", sagt die 1962 geborene Künstlerin. "Dabei sind hier so viele interessante Menschen, dass das gar nicht so sein müsste."
Gerald Hintze, Kurator der Diakoniekirche Weißfrauen, nennt das Werk "eine kleine Forschungsarbeit", dann wieder "eine Art Lackmuspapier". Besucher wie Passanten nähmen über die Installation alles "verschärfter wahr". Hintze hat einem Besucher des Tagestreffs weiße Farbe und einen Pinsel in die Hand gedrückt. Für den Fall, dass die weißen "Perlen" Christiana Prottos nicht mehr lange wirklich weiß sind.
Christiana Prottos "Hortus"-Installation rund um die Weißfrauenkirche, ist noch bis Ende Oktober Teil des Stadtbildes.

Frankfurter Rundschau, 20. September 2005

WESER5 STRANDKÖRBE

StrandkörbeWas braucht der Mensch am Strand? Ein Etagenbett mit karierten, frisch gestärkten Bezügen? Die Nachbarschaft mit 20 weiteren Etagenbetten? Den gebührlichem Abstand von 50 Zentimetern zum Nachbarbett?
Von den rund 400.000 Wohnungslosen in Deutschland leben etwa 13 Prozent – also 20.000 Menschen – ohne jede Unterkunft ständig auf der Straße. Mit dem Verlust der Wohnung ist diesen Menschen der Reproduktionszusammenhang mit der Wohnung, der Wohnumgebung und den sozialen Kontakten verloren gegangen. Dieses Defizit an Weltenmitte spiegelt sich in den Schlafplätzen des unfreiwilligen ‘living in motion‘ wider: an Heißluftschächten, in windgeschützten Gebäudenischen, auf Baustellen, in Spielplatzhütten, Industrieruinen, abgemeldeten Autos... Mit dem Rückzug ins Selbst ist der Ausstieg aus dem öffentlichen Leben vollzogen – und der Ausstieg aus dem Modell Wohnung mit all den Angeboten des Hilfesystems, das die ‘Gestrandeten‘ dorthin zurückbringen will.
Im Diakoniezentrum WESER5 machen Wohnungslose seit einiger Zeit ‘Platte’ – unter dem Dach der Institution, in einem Bereich des Tagestreffs.

Die Männer und Frauen ruhen und schlafen tagsüber, erholen sich von den Strapazen der Nacht. Dieses spezifische Angebot von Unterkunft hat nun eine formale Gestaltung gefunden. Mit der Installation von acht Strandkörben wird das reale Recht auf ein minimales Wohnobjekt und das Abstecken eines privaten Territoriums beschrieben – und nicht ein abstraktes Modell von Unterkunft. Der Strandkorb hat sich als Spezialist in der Möblierung öffentlichen Raums bewährt. Der WESERSTRAND macht ihn mittels Rollen mobil und schenkt ihm ein Gepäckfach und drei mobile Bankelemente, die als Liegefläche, Hocker oder Tisch genutzt werden können. Diese Ausstattung lädt zur Konfiguration einer individuellen Raumsituation ein – als Ort des Rückzugs oder der Kommunikation.
Die Anordnung der Körbe obliegt den Benutzern; Nachbarschaften können gebildet oder vermieden werden. Mit der Entscheidung für den mobilen Strandkorb wird dem Hilfeempfänger ein Instrument überlassen, Raum zu strukturieren und zu gestalten. Die Institution positioniert sich damit im bewussten Gegensatz zu den herkömmlichen Strukturen des geordneten Individuums in den Bettenfluchten der Nachtasyle. Möglich wird dies aber erst durch ein Möbel, das in der Lage ist, organisatorische Aufgaben zu übernehmen und dadurch institutionelle Strukturen weitgehend unsichtbar macht. Damit wird der WESERSTRAND zu einem niedrigschwelligen Angebot, das die Hilfeleistung als pragmatische urbane Dienstleistung in den Vordergrund stellt.

Konzeption & Entwurf: Dipl.-Designer Harald Kollwitz, Berlin in Zusammenarbeit mit Gerald Hintze, WESER5 Projekte

WESER5 TAGESTREFF MIT GELBEM PORTIKUS

Michael BeutlerMichael Beutler hat den Eingang des WESER5 Tagestreff gestaltet

"Nicht innen, sondern außen - nicht drinnen, sondern draußen" heißt die Installation von Städelabsolvent Michael Beutler. Zwei Säulen, Seitenwände, die wie Fächer aussehen, und ein Dach sind in die grauen Außenwände des Gebäudes integriert. "Das Material wird für Betonbauten benutzt", erklärt Beutler, "es ist steif, lässt sich jedoch trotzdem leicht verbiegen".

Innerhalb eines Tages hat der Stipendiat der Jürgen Ponto-Stiftung 2003/2004 zusammen mit drei Assistenten den Portikus gefertigt. Die Einzelteile habe er vorbereitet und sie dann mit Kabelbindern und Betongewichten befestigt. "Ich habe mit einem Baukastensystem gearbeitet, um spontan auf das Umfeld reagieren zu können", sagt Beutler.

Den Besuchern des Diakoniezentrums gefällt der neue Eingang: "Gerade jetzt im Winter, wenn es sehr grau ist, hat die Installation einen enormen Effekt", sagt Gerald Hintze von WESER5. "Wenn die Sonne durch die Folie scheint, dann fließt das Gelb in den Eingang hinein." Für schlicht aber kurios hält Carsten Henning das Kunstwerk. "Die Farbe lässt sich nicht übersehen", so der Mitarbeiter an der Kaffeetheke des WESER5 Tagestreffs. Neben der Ästhetik gibt es laut Hintze einen praktischen Nutzen: Die Hilfesuchenden, die jeden Freitag zur Lebensmittelausgabe kommen, können sich unter die Überdachung stellen und müssen nicht mehr im Regen in der Schlange stehen.

Künstler Michael Beutler hat noch neun weitere Installationen dieser Art in der Stadt geschaffen. Darunter auch am Riedgraben unter der Autobahn und im Ostend, auf einer Verkehrsinsel. Das Material hat jedoch nur eine geringe Haltbarkeit. Schon nach kurzer Zeit beginnt das Metallgewebe zu rosten und die Folie sich aufzulösen. Einen Lageplan zu den Installationen die bis zum 16. Januar zu sehen sind, gibt es beim Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg und unter www.fkv.de.

Frankfurter Rundschau, 22. November 2004

WESER5 THEATERPROJEKT

Beim Glück spielt Geld keine Rolle
Die Theaterperformance »besitznichtbesitz«
bringt DAS TAT und WESER5 Diakoniezentrum zusammen

TheaterprojektFür ihr Projekt »besitznichtbesitz« brachte die Regisseurin Heike Scharpff Laiendarsteller auf die Bühne, um die Lebenswirklichkeit »zwischen arm und reich« darzustellen. »Ultimativ authentisch« – mit knappen Worten beschrieb ein Zuschauer den Eindruck des Abends. Das elfköpfige Ensemble bestand mit zwei Ausnahmen aus schauspielerischen Laien. Gut situierte Bürger spielten mit Menschen, die Armut und Obdachlosigkeit aus eigener Erfahrung kennen – unter ihnen die Männer von WESER5, einem Hilfezentrum für Menschen ohne Wohnung im Frankfurter Bahnhofsviertel.
Regisseurin Heike Scharpff hat die Aufführung, die die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Besitzenden und Nichtbesitzenden vermitteln soll, mit den Darstellern gemeinsam entwickelt. Jeder spielte im Grunde sich selbst. Herausgekommen ist eine Mischung aus Schauspiel, Performance und Revue, in der viel Humor und Überzeugungskraft steckt. Weil sich die Inszenierung jeder Larmoyanz enthielt, kamen Szenen zustande, die berührten.

So beschreibt der wohnsitzlose Franky das Beisammensein mit seinen vier Kindern und Michaelle erzählt von ihrer erfüllten Zeit als »Truckerin«. Die glücklichsten Momente haben recht wenig mit Geld zu tun. Da gleichen sich zumindest auf der Bühne arm und reich. Auch äußerlich lassen sich die unterschiedlichen Kontostände nicht ablesen. Alle Darsteller stecken im dunklen Anzug oder Kostüm. Erst wenn sie reihum aus ihrem Alltag berichten, wird die materielle Lage offenbar.

Während Jimmy stundenlang im Sozialamt hockt, um Geld zu bekommen, das doch nicht reicht, kontrolliert Andreas die Handwerker, die sein Haus im Taunus bauen. Während Gina ihre Armani-Kostüme schon gar nicht mehr zählen kann, fehlen solche Stücke im Kleiderschrank von Michaelle ganz. Die Einblicke waren überdeutlich, bedurften weder der Analyse noch des Kommentars. Unprätentiös auch die dramaturgischen Mittel: Um eine Reihe schwerer Fauteuils in der Bühnenmitte vollzog sich der Ablauf des Stücks. Die einzelnen Sequenzen wurden in der Manier lebender Bilder dargestellt, stehend, laufend oder vom Sessel aus erzählt.

Bisweilen platzte eine rosa Glücksfee in das Geschehen. Sie versprach Lotteriegewinne, beschrieb verschiedene Geldtypen und philosophierte über das Glück. Die Live-Musik von Ina Kleine-Wiskott (Violine) und Martin Lejeune (Keyboard) unterstrich die inhaltlichen Akzente. Sinniger Weise war Scharpffs »besitznichtbesitz« die letzte Aufführung des TAT im Bockenheimer Depot. Seit dem 30. Mai ist DAS TAT geschlossen.

Doris Stickler, Evangelische Sonntags-Zeitung, 13. Juni 2004

WESER5 SEITENWECHSEL

„Um Obdachlose habe ich vorher immer einen großen Bogen gemacht"

Beim "Seitenwechsel" lernt ein Manager die Situation derer kennen, die auf der Schattenseite der Gesellschaft und auf der Straße leben
Im WESER5 Tagestreff brummt der Bär. Ständig öffnet sich die breite Doppeltür und lässt einen Schwall eiskalte Winterluft herein. Ein steter Strom müder, dick vermummter Gestalten kommt herein, holt sich für 30 Cent einen Kaffee und setzt sich zum Aufwärmen an einen der Tische im Tagestreff für Wohnsitzlose im Diakoniezentrum WESER5. Im hinteren Raum, dem Ruheraum, liegen einige Übermüdete auf dem Boden oder auf drei zusammengeschobenen Stühlen, um sich von der anstrengenden Nacht zu erholen, in der es vor allem galt, sich warm zu halten.

Volker Deußer bewegt sich wie selbstverständlich zwischen den äußerlich sichtlich heruntergekommenen Menschen, holt zusammen mit dem Einrichtungsleiter Gerald Hintze Kaffee und Kuchen aus der Küche, grüßt unterwegs nach links und rechts: Der 49 Jahre alte Consulting Director bei Siemens ist hier bekannt. Zumindest ein bisschen. Für eine Woche hat er Ende November die Seiten gewechselt. Hat seinen Bürostuhl in Niederrad mit den harten Klappstühlen in der Obdachlosen-Einrichtung WESER5 im Bahnhofsviertel vertauscht. Vermittler war das in Hessen vom Bildungswerk der hessischen Wirtschaft gemanagte Projekt "Seitenwechsel", das Führungskräfte dazu animieren soll, einmal eine ganz andere Erfahrung zu machen. Für eine Woche die träge Gemütlichkeit des warmen Büros zu verlassen und sich der harten Wirklichkeit zu stellen, die für die Benachteiligten dieser Gesellschaft der unbarmherzige Alltag ist; Praktikant werden in der Sucht- und Drogen-, in der Wohnungslosen- oder Flüchtlingshilfe, in der Behindertenbetreuung, im Hospiz, in Psychiatrie, im Strafvollzug oder in der Kinder- und Jugendhilfe.

Erfahrung sammeln

"Eine interessante Erfahrung" versprach Deußer sich von dem als "Fortbildung" titulierten Projekt. "Auch, dass es einen persönlich vielleicht weiter bringt." Wie er auf die Wohnsitzlosen kam? Deußer versucht nicht, sich besser darzustellen, als er ist: "Empfohlen wird immer, das zu machen, wo man die größten Berührungsängste hat. Das waren bei mir die Obdachlosen. Um die habe ich immer einen großen Bogen gemacht. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, hier mal reinzuschauen."
Seine Wahrnehmung habe sich seither gründlich geändert: "Manche sagen ja, dass es nichts bringt, Obdachlosen Geld zu spenden, aber ich habe jetzt doch immer ein bisschen Kleingeld in der Tasche." Deußer lächelt und meint es trotzdem ziemlich ernst: "Tief beeindruckt" habe ihn das Erlebnis mit einem Wohnsitzlosen, den er zum Einkaufen begleitet hat. "Auf dem Rückweg hat der einem jungen Junkie-Mädchen seine letzten 50 Cent gegeben, mit den Worten: ,Der geht's doch noch schlechter als mir.' " Das ging dem Manager unter die Haut.

Vor seinem ersten Tag im Diakoniezentrum WESER5, das neben dem Tagestreff auch Straßensozialarbeit, eine soziale Beratungsstelle, ein paar Notübernachtungsplätze und ein Übergangswohnhaus anbietet, sei er "schon sehr aufgeregt gewesen", gibt Deußer freimütig zu. "Man lebt ja so unter sich normalerweise, Sozialarbeiter kennen Sozialarbeiter, ich kenne IT-Leute und so weiter: Kontakt über die Schichten der Gesellschaft hinweg gibt es kaum."

Beginn in der Küche

Also gesellte er sich zum Beschnuppern an den ersten beiden Tagen zu Küchenchef Eddie, gab Essen und Kaffee aus, setzte sich im Tagestreff einfach mal dazu, "um mich zu unterhalten". Und: "Man sieht, das sind auch alles Menschen, da stecken Schicksale dahinter. Früher dachte ich, die sollen was schaffen. Heute weiß ich: 50 Prozent dieser Menschen sind psychisch krank. Die fallen durch alle Schubladen unseres Sozialsystems. Die kommen vielleicht für ein Jahr in eine psychiatrische Klinik. Aber dann werden sie entlassen. Das sind hoffnungslose Fälle, die das System nicht einkalkuliert hat." Und: "Respekt vor der einzelnen Person ist sehr wichtig, das habe ich hier gelernt. Seine Würde ist das Letzte, was so einer noch hat."

"Sozialkompetenz und gesellschaftliches Bewusstsein erweitern" sind unter anderem die Ziele des in der Schweiz entstandenen Projekts "Seitenwechsel". Deußer nimmt noch eine zweite wichtige Botschaft in den Berufsalltag mit: "Als Manager denkt man immer, man kann alles lösen." Bei WESER5 hat er von den Wohnsitzlosen gelernt: "Es gibt Dinge, die sind einfach nicht lösbar." Nachdenklich sagt das der Siemens-Mann mit dem saloppen Cord-Sakko und dem lichter werdenden Haar. Und fügt hinzu: "Oder nur in ganz kleinen Schritten. Und manchmal ist eben der Erhalt des Status quo schon ein Erfolg." Er bewundere die Sozialarbeiter, die diesen Zustand jahrelang aushielten.

Obdachlose ohne Lobby

Schrecklich war für ihn das Erlebnis beim Dienst in der Notübernachtung, als plötzlich eine Frau vor ihm stand, die er abweisen musste. "Die wird hier im Männerheim nicht reingelassen. Die Ambulanz fühlt sich auch nicht zuständig, weil die ja nicht auf der Straße liegt." Was macht man mit so jemandem? "Obwohl es in Frankfurt ein umfassendes Hilfesystem gibt, gibt es Fälle, die durchs Raster fallen", musste Deußer erkennen. Lehrer, Schüler, Polizisten seien gegen das Sparprogramm des Landes auf die Straße gegangen. "Aber Obdachlose haben keine Lobby. Ich glaube, vielen Politikern würde es gut tun, mal selbst so einen Seitenwechsel mitzumachen." Aber dann könnte es wieder so kommen, wie Deußer es selbst beobachtet hat: "Meistens machen genau die Führungskräfte bei so was mit, die es nicht so nötig hätten. Die anderen wehren sich mit Händen und Füßen."

In seinen Gesprächen mit den Leuten von der Straße schlug dem Unternehmensberater durchaus auch Feindseliges entgegen. Als er sich Anfang November bei WESER5 vorstellte, habe einer der Stammkunden gesagt: "Da kommt wieder einer, der mal gucken will, wie schlecht's uns geht, und dann geht er heim und freut sich, dass er's besser hat." Ein anderer mutmaßte, dass Deußer sich den blonden Dreitagebart wohl eigens für das Praktikum bei den Wohnsitzlosen zugelegt habe...
Ein bärtiger Typ mit brauner Jacke tritt an den Tisch. "Ei gude, was habt Ihr denn da für 'nen leckeren Kuchen?" - "Wollen Sie ihn haben?", fragt Deußer, "hier isst ihn nämlich keiner." Und schon wechselt die Donauwelle den Besitzer. Der Kuchenergatterer indes bleibt stehen und sucht das Gespräch. Nach ein paar Minuten fröhlichen Hin und Hers, sagt Deußer dann freundlich, aber bestimmt: "So, jetzt würden wir gerne weiterreden." Er nimmt den letzten Schluck Kaffee und sagt: "Auch das habe ich gelernt: Man muss klipp und klar sagen, was man will. Verklausuliert kommt die Botschaft nicht an."

Ganz tief hat sich die Botschaft seines Seitenwechsels bei ihm eingegraben, als eines Nachts "ein älterer Herr, so Anfang 60, bei strömendem Regen klingelte und bat, sich zwei Stunden hinlegen zu dürfen. Der hatte nur Schlappen an den Füßen, war völlig durchnässt und ganz erbärmlich dran. Wir haben ihm dann Kaffee gegeben und ihm gesagt, dass er bis sieben bleiben kann." Deußer schüttelt noch bei der Erinnerung den Kopf: "Ganz arm war der."
Und am Ende hat nach einer intensiven nächtlichen Diskussion beim Dienst in der Notübernachtung auch Deußers ärgster Kritiker vom allerersten Tag "akzeptiert, dass es mir mit dieser Woche ja nicht um den Zoo-Effekt ging, sondern dass ich auf meine Art versuche, etwas zu bewegen".

Frauke Haß, Frankfurter Rundschau, 7. Januar 2004

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