image

Haus Lilith bietet wohnungslosen Frauen eine Bleibe

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, besuchte das Haus Lilith, ein Wohnhaus für Frauen in Not in Frankfurt. Mit Horst Rühl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen und Dr. Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks für Frankfurt am Main, sprach er mit Bewohnerinnen über ihre Situation.

Ein unscheinbares Gebäude am Alfred-Brehm-Platz in Frankfurt ist das Zuhause von 28 wohnungslosen Frauen. Auf vier Etagen leben die Bewohnerinnen in kleinen, möblierten Zimmern mit Gemeinschaftsküchen und Bädern auf dem Gang. Das Haus Lilith ist voll belegt, weitere Frauen stehen auf der Warteliste. „Ich bin froh, dass ich vor fast zwei Jahren in das Wohnhaus für Frauen ziehen konnte“, sagt Binnur Sogukcesme. „Als ich aus dem Ausland nach Frankfurt zurückkam, stand ich vor dem Nichts. Kein Geld, keine Kontakte, keine Wohnung. Das Haus Lilith und die Sozialarbeiterinnen haben mir ein Zuhause gegeben, als ich ganz unten war.“ Die 50-jährige Rechtsanwaltsgehilfin bemühte sich von Anfang an um einen Job und eine eigene Wohnung. Nach über 300 Bewerbungen hat es endlich mit einer neuen Stelle geklappt. Direkt im Anschluss kam auch die Zusage für eine eigene Wohnung. Sogukcesme: „Nächste Woche ziehe ich um. Ich bin sehr glücklich. Nun kann ich endlich den Platz frei machen für andere Frauen.“

Lilie: Wohnungslose Frauen leben oft in Abhängigkeit

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, will mehr über wohnungslose Frauen wie Binnur Sogukcesme und deren Geschichten erfahren. Im Rahmen seiner Unerhört!-Sommertour durch Deutschland besucht er das Haus Lilith* in Frankfurt und hört den Bewohnerinnen zu. Ulrich Lilie: „Wohnungslose Frauen wissen, dass sie auf der Straße nur schwer überleben können. Deshalb suchen sie nach Lösungen, die sie oft in unschöne Abhängigkeiten bringen. Wenn sie in Einrichtungen wie Lilith kommen, haben sie schon viel ausprobiert und sind in einer sehr schwierigen Situation. Lilith unterstützt diese Frauen in Not nicht nur auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Sie begleiten die Frauen darüber hinaus bis sie wieder eigenverantwortlich leben können.“ 

Diese Erfahrung hat auch Lilith-Bewohnerin Sogukcesme gemacht. „Ich war sehr gut aufgehoben im Haus Lilith. Meine Betreuerin hat mich unterstützt, wo sie konnte. Aber von den Behörden fühlte ich mich oft im Stich gelassen“, so Sogukcesme. Sie fordert, dass Frauen aus Übergangswohnheimen vom Wohnungsamt mit vorrangiger Dringlichkeit behandelt werden. Denn noch allzu oft heißt es bei den Vermieter*innen: ohne Job keine Wohnung. 

Lilie nimmt sich Zeit, schaut sich das Wohnheim an, spricht mit einigen der Bewohnerinnen und diskutiert schließlich zusammen mit Horst Rühl und Dr. Michael Frase sowie Sozialpolitiker*innen über die besondere Situation von wohnungslosen Frauen.

Rühl: Frauen verstecken ihre Wohnungslosigkeit oft

Etwa ein Viertel der Wohnungslosen in Deutschland sind Frauen. Der tatsächliche Anteil wird jedoch weit höher geschätzt. „Immer mehr betroffene Frauen wagen es, unsere Angebote wahrzunehmen, seitdem wir differenzierte Angebote speziell für Frauen eingerichtet haben“, sagt Horst Rühl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. „Frauen verstecken ihre Wohnungslosigkeit oft. Sie flüchten sich nach Trennungen in neue Beziehungen oder kommen bei Freundinnen unter“, so Rühl weiter. „Besonders prekär ist die Situation für Mütter und ältere Frauen, die auf einmal arbeits- und mittellos auf der Straße stehen. Sie haben es nach langer Auszeit schwer, wieder eine Arbeit und Wohnung zu finden.“ Auch für Binnur Sogukcesme waren die Türen der Wohnungsbaugesellschaften und Sozialwohnungen lange Zeit verschlossen. Rühl: „Es ist unerhört, dass in Hessen immer mehr Menschen wohnungslos sind. Wir fordern ein landesweites Aktionsprogramm, um die Wohnungslosigkeit zu überwinden.“ 

Frase: Großer Bedarf in Frankfurt an Wohnungen zu sozialverträglichen Mieten

Dr. Michael Frase, Leiter der Diakonie Frankfurt, sieht ebenfalls die besondere Situation von Frauen: „Die Wohnungslosigkeit von Frauen wird durch spezifisch weibliche Armutsrisiken begünstigt. Dazu zählen ein niedrigeres Einkommen, erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein akuter Wohnungsnotstand in den Metropolen. Bei der angespannten Wohnungsmarktlage und Mietpreisen auf hohem Niveau sowie durch das Auslaufen bestehender Mietpreis- und Belegungsbindungen besteht nach wie vor ein großer Bedarf an neuen Mietwohnungen zu sozialverträglichen Mieten. Dies ist dringend erforderlich, um auch wohnungslosen Frauen Zugang zum Wohnungsmarkt zu verschaffen.“ 

Für Sogukcesme scheint es nun bergauf zu gehen. „Jeder kann mal ganz unten sein. Aber ich weiß nun, dass man es auch wieder nach oben schaffen kann“, sagt sie. „Für mich war das Haus Lilith anfangs genau das Richtige. Ich wünschte mir nur, dass es nicht so schwer wäre, dort auch wieder rauszukommen.“

Diakonie-Kampagne „Unerhört!“

Mit der Diakonie-Kampagne „Unerhört!“ wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft. Viele Menschen haben das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt. Da jede Lebensgeschichte ein Recht darauf hat, gehört zu werden sammelt die Diakonie Lebensgeschichten von „Unerhörten“, von wohnungslosen Menschen, Flüchtlingen, Armen, aber auch von Alltagshelden. Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden. www.unerhört.de 

Diakonie Hessen-Positionen: Unerhört. Sozial

Mit „Unerhört. Sozial.“ hat die Diakonie Hessen im Vorfeld der Landtagswahl 2018 ihre sozialpolitischen Positionen veröffentlicht. Der Landesverband gibt Denkanstöße und stellt Fragen zur Landtagswahl. Damit sollen diejenigen zu Wort kommen, die oft unerhört bleiben, und der politische Diskurs über Gerechtigkeit und Teilhabe soll weitergeführt werden. Die Ausführungen zu den Themen „Kinder, Jugend und Familie“, „Gesellschaftliches Miteinander“ sowie „Gesundheit und Pflege“ bieten neben den Positionen und konkreten Beispielen aus dem Leben auch Fragen an die Politiker*innen. Auch zum Thema „Bezahlbaren Wohnraum schaffen“ legt die Diakonie Hessen ganz konkrete Positionen und Forderungen dar. Die Broschüre „Unerhört. Sozial.“ steht zum Download bereit.

Haus Lilith – Wohnen für Frauen

Lilith – Wohnen für Frauen ist ein Übergangswohnhaus mit 28 Plätzen für wohnungslose Frauen. Es bietet stationäre Leistungen der Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten nach den §§ 67 SGB XII in Verbindung mit § 75 Abs. 3 SGB XII sowie den §§ 76 ff. SGB XII. Zielgruppe sind Frauen ab dem 18. Lebensjahr. Die Unterbringung erfolgt über das Jugend- und Sozialamt. Ein Eigenanteil ist zu entrichten. Die Frauen leben in Einzelzimmern in vier Wohngruppen zusammen. Die Sozialarbeiterinnen unterstützen die Frauen z. B. bei der Wohnungssuche, dem (Wieder-)Einstieg in den Beruf, bei Ehe- und Familienkonflikten sowie bei der Aufarbeitung von Gewalterfahrungen. In Gesprächen werden Eigenverantwortung und Konfliktfähigkeit gefördert und das Selbstvertrauen gestärkt. Lilith – Wohnen für Frauen arbeitet eng mit dem Jugend- und Sozialamt, dem Jobcenter Frankfurt, der Schuldnerberatung, Fachberatungsstellen, psychologischen Therapeutinnen sowie mit psychosomatischen Fachkliniken zusammen. Lilith – Wohnen für Frauen wird über den Landeswohlfahrtsverband Hessen finanziert.

Foto:  Ulrich Lilie (l.), Präsident Diakonie Deutschland mit Mehri Fazan, Leiterin Lilith-Wohnen für Frauen, und Dr. Michael Frase, Leiter Diakonisches Werk für Frankfurt am Main im Gespräch.