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Im Herbst besuchten drei Frühförderinnen aus Bulgarien ihre Kolleginnen aus der Frühförderung der Diakonie Frankfurt: (v.l.) Yura Dantscheva, Carmen Lauer, Sofia Belscheva, Madlen Eftimova, Sigrid Unglaub und Dr. Virjinia Schwarten. (Foto: Rolf Oeser)

Kinder fördern von Anfang an

Das Modellprojekt „Frühstart LEBEN“ der Diakonie Frankfurt in Sofia wird von Familien mit Frühgeborenen gut angenommen. Es ist weiter auf finanzielle Unterstützung und Spenden angewiesen.  

Bunte Kissen aus Plastik bilden einen Turm. Darüber stapeln sich die Hände von sechs lachenden Frauen. Deutsche und Bulgarinnen aus dem Modellprojekt „Frühstart LEBEN“ des Diakonischen Werkes für Frankfurt am Main machen sich gemeinsam dafür stark, Eltern mit Früh- und Risikoneugeborenen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia zu fördern. Als Madlen Eftimova im Sommer 2017 begann, als erste Frühförderin in Bulgarien Familien mit Babys zu Hause zu besuchen und ihnen praktische Tipps zu geben, betrat sie Neuland. Etwas Vergleichbares hatte es in dem ärmsten und jüngsten EU-Staat bisher noch nicht gegeben. Vielmehr waren die Eltern mit Früh- und Risikoneugeborenen nach dem Klinikaufenthalt komplett auf sich alleine gestellt, einige fühlten sich so überfordert, dass sie ihre Kinder in Heime gaben. Manchmal rieten ihnen sogar die Ärzte dazu, sagt Frühförderin Madlen Eftimova. „Wir bestärken die Eltern darin, ihr Kind in die Familie aufzunehmen“, sagt ihre Kollegin Sofia Belscheva. Im Herbst besuchten drei Frühförderinnen aus Bulgarien ihre Kolleginnen aus der Frühförderung der Diakonie Frankfurt zum Austausch und zu Hospitationen.

Modellprojekt will Eltern ermutigen, ihre Kinder zuhause zu fördern

Das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt „Frühstart LEBEN“ der Diakonie Frankfurt, der Sheinovo-Klinik für Geburtshilfe in Sofia und der bulgarisch-deutschen Stiftung Prijateli will Eltern ermutigen, ihre Kinder zu Hause zu fördern. Gleich nach der Geburt, noch in der Klinik, vermitteln Hebammen Müttern den Kontakt zu den Frühförderinnen, damit sie von Anfang an Vertrauen entwickeln können. In der Sheinovo-Klinik mit rund 2200 Geburten im Jahr kommen fünf bis acht Prozent der Babys zu früh zur Welt, rund zehn bis zwölf Prozent der Neugeborenen sind von Behinderung bedroht oder betroffen. Yura Dantscheva, die seit Anfang diesen Jahres mit Sofia Belscheva das Team der Frühförderinnen verstärkt, schildert anschaulich, wie sie Mütter auffordert, am Inkubator  ihrem Baby vorzusingen oder sogar den Inkubator zu streicheln. Zuwendung, zwar nicht von Haut zu Haut, aber immerhin erste Schritte zur Annäherung an das gemeinsame Leben. 

Schritte in ein eigenständiges Zusammensein

22 Familien mit 26 Kindern werden mittlerweile von „Frühstart LEBEN“ in Sofia und Umgebung betreut. Ermutigt von Ärzten und einem interdisziplinären Team aus Hebammen, Psychologen und Therapeuten an der Sheinovo-Klinik haben diese Familien den Schritt ins eigenständige Zusammensein mit Kind gewagt und die angebotene Hilfe der Frühförderinnen angenommen. „Ich hätte nie gedacht, dass wir nach einem Jahr 26 Kinder in 22 Familien fördern, das ist ein großer Erfolg“, sagt Sigrid Unglaub, Leiterin des Arbeitsbereiches Inklusion und Beratung der Diakonie Frankfurt. Dabei sind die Bedürfnisse von Eltern mit Frühchen in Deutschland und Bulgarien ganz ähnlich, aber in Bulgarien gab es vor Frühstart LEBEN kein ambulantes Unterstützungsangebot. „Es läuft gut“, bilanziert auch Carmen Lauer, die Leiterin von SICHTWEISEN, Frühförderung für Kinder mit Blindheit und Sehbehinderung der Diakonie, die sich ebenfalls in Sofia engagiert. Ihre anfängliche Sorge, bulgarische Eltern würden sich vielleicht nicht auf eine Unterstützung von Pädagoginnen in den eigenen vier Wänden einlassen, weil sie damit eher Kontrolle als Zuwendung verbinden würden, ist verflogen.

„In den ersten Tagen und Wochen ist besonders die Interaktion  von Eltern mit ihrem Baby wichtig, um die Kinder so früh wie möglich fördern zu können“, sagt Sigrid Unglaub. Zunehmend kämen auch Väter in die Geburtsklinik, für sie sei es noch schwieriger, die Hemmschwelle zu überwinden und sich dem Baby zu nähern, das sie im Inkubator kaum berühren können. Bei ihren Hausbesuchen leben die Frühförderinnen Müttern und Vätern vor, wie sie ihr Kind freundlich und beruhigend ansprechen und dadurch ein Lächeln und freudiges Strampeln ihres Babys hervorrufen können.

Inklusion fördern 

Ähnlich wie in Deutschland vor 20 oder 30 Jahren wird die Inklusion von Menschen mit Behinderung in Bulgarien noch kaum gelebt: „Die Familien sind ausgegrenzt und das ist sehr schwer“, sagt Madlen Eftimova. Auch die Pränatal-Diagnostik ist in Bulgarien viel weiter verbreitet als in Deutschland, ergänzt Sigrid Unglaub von der Diakonie Frankfurt. Die erfolgreiche Arbeit der Frühförderinnen in Sofia zieht inzwischen Kreise: „Die Familien, die wir betreuen, machen Werbung für uns und auch die interdisziplinären Teams in der Sheinovo-Klinik, in denen wir mitarbeiten, berichten darüber“, sagt Madlen Eftimova, „Schritt für Schritt hoffen wir, dass die Menschen ihre Denkweise verändern.“

Eltern unterstützen und Kinder von Anfang an fördern 

Allerdings sieht das weitgehend privatisierte Gesundheitswesen in dem ärmsten EU-Land eine hohe Selbstbeteiligung vor, mehr als 50 Prozent der Leistungen müssen die Bulgaren aus eigener Tasche zahlen. Wenn ein Kind von Behinderung betroffen ist, steht seine Familie vor großen Herausforderungen, nicht zuletzt im Hinblick auf die hohen Behandlungskosten. Nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen war bereits für 2014 geplant, alle Heime für Kinder mit Behinderung zu schließen, es fehlt jedoch an geschultem Personal und Strukturen, Familien psychologisch und pädagogisch zu fördern. Das Modellprojekt „Frühstart LEBEN“ setzt hier ein Zeichen wie es gelingen kann, Eltern wirksam zu unterstützen und Kinder von Anfang an zu fördern.     

Zum Hintergrund

Die Sheinovo-Klinik ist eine Geburtsklinik in Sofia. Sie ist auf Prävention und die Behandlung von Risikoschwangerschaften spezialisiert. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche unterstützt sie ideell sowie beim Kauf von medizinischen Geräten. 

Die Stiftung Prijateli wurde 2006 gegründet, um Heim- und Straßenkindern eine Zukunft zu geben. Sie baut an einem Netz aus Pflege- und Adoptiveltern und berät Eltern von Frühgeborenen und von Kindern mit Behinderung. 2008 lebten Schätzungen zufolge bis zu 11.000 Kinder in öffentlichen Heimen, das war damals EU-weit einer der höchsten Stände. Deutsche Partner der Stiftung sind beispielsweise die Evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, die im Rahmen des Projektes „Hoffnung für Osteuropa“ Geld für bulgarische Pflegefamilien bereitstellt. Auch die Johanniter-Unfall-Hilfe Landesverband Hessen/Rheinland-Pfalz/Saar unterstützt die Stiftung.

 So können Sie „Frühstart LEBEN“ unterstützen.