„Die Versuchung des Heiligen Antonius“

Installation von Sabine Kuehnle vom 7. Oktober bis zum 18. November 2016 in der Weißfrauen Diakoniekirche/ Eröffnung am 6. Oktober um 19 Uhr

Die Künstlerin Sabine Kuehnle zeigt in der Weißfrauen Diakoniekirche, Weserstraße/ Ecke Gutleutstraße, vom 7. Oktober bis 18. November 2016 ihre Installation „Die Versuchung des heiligen Antonius“. Eröffnet wird die Ausstellung am 6.Oktober um 19 Uhr, es sprechen Kurator Thomas Kober und die Kunsthistorikerin Dr. Britta Schröder. Finissage ist am Freitag, dem 11. November ab 19 Uhr. Sabine Kuehnle studierte von 1992 bis 1999 an der Akademie für Bildende Künste, der Johannes-Gutenberg Universität Mainz und an Hochschule der Bildenden Künste Saar. Dort erlangte sie den Meistertitel. Anschließend war sie in London an der M.F.A. at Chelsea College of Art & Design. Erstmalig wird in der Weißfrauen Diakoniekirche eine aufwendige Deckenkonstruktion realisiert. Ermöglicht werden konnte dies durch die freundliche Unterstützung der Gerüstbaufirma Layher. In ihrer Arbeit beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Prekären unserer Existenz. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist das Werk „die Peinigung des Heiligen Antonius“ von Martin Schongauer (ca.: 1490).

Leere, aufgerissene zum Teil zerfetzte schwarze Zelte hängen vom Kirchendach herunter. Dazwischen große Fischernetze, die aber auch keinen Halt mehr bieten. Immer wieder schwarzes, angekohltes Holz zwischen den Zelten und am Boden. Waren es Waffen oder hat man damit die Zelte stabilisiert. Die Wände der Zelte sind mit Tonerde verschmiert, einmal kann man eine abgleitende Hand erkennen. Niemand findet hier mehr Schutz, kein Mensch, weit und breit, alles verlassen und verloren. Es gab wohl ein Feuer oder einen Angriff. In der Dunkelheit hat sich der Schutzraum in aufgerissene Mäuler verwandelt, die alles ausspucken, in Flügel der Fledermäuse, Tiefseeungeheuer suchen Nahrung, keine Existenz ist möglich. Da kann sich niemand halten, alles instabil, kein Platz für Niemand. Erschütterung breitet sich aus. Sind wir auf dem Weg nach oben überfallen worden? Gibt es kein Kirchenasyl? Alle sind wohl gebildet, aber keiner kennt den Weg. Ist denn alles in der Schwebe?

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Antonius, ein ungebildeter ägyptischer Bauer aus wohlhabender, christlicher Familie stammend, wird als Zwanzigjähriger durch eine Predigt über den reichen Jüngling aus dem Matthäusevangelium aufgerüttelt. Er nimmt das Gleichnis sehr ernst und verschenkt alles, was er hat, lebt am Rande des Dorfes ein streng asketisches Leben. Als ihm das nicht genügt, begibt er sich zu dem Ort, wo sich die Dämonen aufhalten. Leibhaftig erscheinen ihm die Dämonen in der Wüste und peinigen seinen Körper, jedoch seinem Geist können sie nichts anhaben. Antonius geht als Sieger aus den Kämpfen hervor und hält anschließend eine Rede an die Menschen, die seinem Beispiel nachfolgen wollen.

Die Versuchungen des heiligen Antonius durch irdische Lüste und seine Peinigungen durch den Teufel und seine Dämonen, wie sie in der Vita Antonii des Athanasius von Alexandria geschildert werden, sind seit dem ausgehenden Mittelalter zu einem häufig dargestellten Motiv der bildenden Kunst geworden. Auch in der Musik z.B. bei Werner Egk oder Paul Hindemith, sowie in der Literatur bei Gustav Flaubert ziehen sich die Versuchungen des Einsiedlers durch die gesamte Kunst und Kulturgeschichte der westlichen Welt.

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In Flauberts Roman geht es um die Sehnsucht nach dem Ursprung des Seins, der Durst nach der Wahrheit und nach den Ursprüngen der Weisheit. Bei Guy de Maupassant in Bel-Ami geht um das Thema der Versuchung in Gestalt der Vergötzung der Presse, der Macht und des Geldes. Bei James Ensor verwandelt sich der Heilige in ein rotes Monster. Bei Arthur Rimbaud steht alles auf dem Kopf indem er sagt: „Ich glaube ich bin in der Hölle weil ich existiere“. In Redons Arbeiten über den Antonius befindet sich der Betrachter in der Position, seinen eigenen Ängste, Träumen und Halluzinationen gegenüberzustehen.

Heute führen uns die tiefenpsychologischen Betrachtungsweisen zu ähnlichen Überlegungen, dass die sklavisch gehorsamen und törichten Scheingestalten in Wahrheit Gespenster, Kreaturen der erregten Phantasie des Einsiedlers sind. Die Vita Antonii schildert den langen schweren Kampf des Antonius mit seiner Furcht vor Gespenstern und Stimmen, die sowohl im Volksglauben als auch in seinen eigenen Sinnestäuschungen einen fruchtbaren Boden fanden. Dieses gespenstische Treiben erscheint dem Einsiedler in religiöser Beleuchtung, weil er irrtümlich hinter seinen Halluzinationen jene Dämonen vermutete, von denen die neutestamentlichen Schriften sprechen. Ohne Zweifel haften indes seiner Dämonenvorstellung Elemente an, die in den heil. Schriften sich nicht finden, vielmehr aus einer heidnischen Unterströmung dämonischen Gespenster- und Verwandlungsspuks emporgestiegen sind. Zusammenfassend könnten wir sagen, im Leben des Antonius traten Phobien und Zwangsvorstellungen dämonologischen Inhalts auf, gepaart mit Alpträumen und Halluzinationen.

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Wenn wir uns aber über diesen Standpunkt hinaus bewegen, kommen wir zu den Worten von Friedrich Nietzche „der tolle Mensch“

„Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?“

Ich habe mich immer gefragt warum hängt dies alles an der Decke, Zelte stehen normalerweise auf dem Boden. Stöcke wachsen auch nicht in der Luft. Der ganze Horizont ist weg, ohne feststehende vertikale Transzendenz erscheint der Mensch haltlos. Hier fehlt die Trennlinie zwischen oben und unten. Das Fundament fehlt, wir sind in der Schwebe. Die Richtschnur, wo es langgeht ist verloren.

Einen Satz denn ich von der Künstlerin habe, ist von Paul Valery:

„Wir leben vom Unbeständigen, durchs Unbeständige, im Unbeständigen“

Der Text ist die gekürzte Fassung der Eröffnungsrede des Kurators Thomas Kober